?Ver­bot der Dis­kri­mi­nie­rung wegen des Alters ? Richt­li­nie 2000/78/EG ? Natio­na­le Kün­di­gungs­schutz­re­ge­lung, nach der vor Voll­endung des 25. Lebens­jahrs lie­gen­de Beschäf­ti­gungs­zei­ten des Arbeit­neh­mers bei der Berech­nung der Kün­di­gungs­frist nicht berück­sicht

 

In der Rechts­sa­che C‑555/07

betref­fend ein Vor­ab­ent­schei­dungs­er­su­chen nach Art. 234 EG, ein­ge­reicht vom Lan­des­ar­beits­ge­richt Düs­sel­dorf (Deutsch­land) mit Ent­schei­dung vom 21. Novem­ber 2007, beim Gerichts­hof ein­ge­gan­gen am 13. Dezem­ber 2007, in dem Ver­fah­ren

Seda Kücük­de­veci

gegen

(vdaa) …
Swe­dex GmbH & Co. KG

erlässt

DER GERICHTSHOF (Gro­ße Kam­mer)

unter Mit­wir­kung des Prä­si­den­ten V. Skou­ris, der Kam­mer­prä­si­den­ten J. N. Cun­ha Rod­ri­gues, K. Lena­erts und J.‑C. Boni­chot, der Kam­mer­prä­si­den­tin­nen R. Sil­va de Lapu­er­ta, P. Lindh (Bericht­erstat­te­rin) und C. Toa­der sowie der Rich­ter C. W. A. Tim­mermans, A. Rosas, P. Kūris, T. von Dan­witz, A. Ara­b­ad­jiev und J.‑J. Kasel,

Gene­ral­an­walt: Y. Bot,

Kanz­ler: K. Malacek, Ver­wal­tungs­rat,

auf­grund des schrift­li­chen Ver­fah­rens und auf die münd­li­che Ver­hand­lung vom 31. März 2009,

unter Berück­sich­ti­gung der Erklä­run­gen

? der Swe­dex GmbH & Co. KG, ver­tre­ten durch Rechts­an­walt M. Nebe­ling,

? der deut­schen Regie­rung, ver­tre­ten durch M. Lum­ma und J. Möl­ler als Bevoll­mäch­tig­te,

? der tsche­chi­schen Regie­rung, ver­tre­ten durch M. Smo­lek als Bevoll­mäch­tig­ten,

? der däni­schen Regie­rung, ver­tre­ten durch J. Bering Liis­berg als Bevoll­mäch­tig­ten,

? von Irland, ver­tre­ten durch D. O?Hagan als Bevoll­mäch­tig­ten im Bei­stand von N. Tra­vers, BL, und A. Col­lins, SC,

? der nie­der­län­di­schen Regie­rung, ver­tre­ten durch C. Wis­sels und M. de Mol als Bevoll­mäch­tig­te,

? der Regie­rung des Ver­ei­nig­ten König­reichs, ver­tre­ten durch I. Rao als Bevoll­mäch­tig­te im Bei­stand von J. Strat­ford, Bar­ris­ter,

? der Kom­mis­si­on der Euro­päi­schen Gemein­schaf­ten, ver­tre­ten durch V. Kreu­schitz und J. Ene­gren als Bevoll­mäch­tig­te,

nach Anhö­rung der Schluss­an­trä­ge des Gene­ral­an­walts in der Sit­zung vom 7. Juli 2009

fol­gen­des

Urteil

1 Das Vor­ab­ent­schei­dungs­er­su­chen betrifft die Aus­le­gung des Ver­bots der Dis­kri­mi­nie­rung wegen des Alters und der Richt­li­nie 2000/78/EG des Rates vom 27. Novem­ber 2000 zur Fest­le­gung eines all­ge­mei­nen Rah­mens für die Ver­wirk­li­chung der Gleich­be­hand­lung in Beschäf­ti­gung und Beruf (ABl. L 303, S. 16).

2 Die­ses Ersu­chen ergeht im Rah­men eines Rechts­streits zwi­schen Frau Kücük­de­veci und ihrem ehe­ma­li­gen Arbeit­ge­ber Swe­dex GmbH & Co. KG (im Fol­gen­den: Swe­dex) über die Berech­nung der Kün­di­gungs­frist.

Recht­li­cher Rah­men

Uni­ons­recht

3 Die Richt­li­nie 2000/78 wur­de auf der Grund­la­ge von Art. 13 EG erlas­sen. Die Erwä­gungs­grün­de 1, 4 und 25 die­ser Richt­li­nie lau­ten:

?(1) Nach Arti­kel 6 Absatz 2 des Ver­trags über die Euro­päi­sche Uni­on beruht die Euro­päi­sche Uni­on auf den Grund­sät­zen der Frei­heit, der Demo­kra­tie, der Ach­tung der Men­schen­rech­te und Grund­frei­hei­ten sowie der Rechts­staat­lich­keit; die­se Grund­sät­ze sind allen Mit­glied­staa­ten gemein­sam. Die Uni­on ach­tet die Grund­rech­te, wie sie in der [am 4. Novem­ber 1950 in Rom unter­zeich­ne­ten] Euro­päi­schen Kon­ven­ti­on zum Schut­ze der Men­schen­rech­te und Grund­frei­hei­ten gewähr­leis­tet sind und wie sie sich aus den gemein­sa­men Ver­fas­sungs­über­lie­fe­run­gen der Mit­glied­staa­ten als all­ge­mei­ne Grund­sät­ze des Gemein­schafts­rechts erge­ben.

?

(4) Die Gleich­heit aller Men­schen vor dem Gesetz und der Schutz vor Dis­kri­mi­nie­rung ist ein all­ge­mei­nes Men­schen­recht; die­ses Recht wur­de in der All­ge­mei­nen Erklä­rung der Men­schen­rech­te, im VN-Über­ein­kom­men zur Besei­ti­gung aller For­men der Dis­kri­mi­nie­rung von Frau­en, im Inter­na­tio­na­len Pakt der VN über bür­ger­li­che und poli­ti­sche Rech­te, im Inter­na­tio­na­len Pakt der VN über wirt­schaft­li­che, sozia­le und kul­tu­rel­le Rech­te sowie in der Euro­päi­schen Kon­ven­ti­on zum Schut­ze der Men­schen­rech­te und Grund­frei­hei­ten aner­kannt, die von allen Mit­glied­staa­ten unter­zeich­net wur­den. Das Über­ein­kom­men 111 der Inter­na­tio­na­len Arbeits­or­ga­ni­sa­ti­on unter­sagt Dis­kri­mi­nie­run­gen in Beschäf­ti­gung und Beruf.

?

(25) Das Ver­bot der Dis­kri­mi­nie­rung wegen des Alters stellt ein wesent­li­ches Ele­ment zur Errei­chung der Zie­le der beschäf­ti­gungs­po­li­ti­schen Leit­li­ni­en und zur För­de­rung der Viel­falt im Bereich der Beschäf­ti­gung dar. Ungleich­be­hand­lun­gen wegen des Alters kön­nen unter bestimm­ten Umstän­den jedoch gerecht­fer­tigt sein und erfor­dern daher beson­de­re Bestim­mun­gen, die je nach der Situa­ti­on der Mit­glied­staa­ten unter­schied­lich sein kön­nen. Es ist daher unbe­dingt zu unter­schei­den zwi­schen einer Ungleich­be­hand­lung, die ins­be­son­de­re durch recht­mä­ßi­ge Zie­le im Bereich der Beschäf­ti­gungs­po­li­tik, des Arbeits­mark­tes und der beruf­li­chen Bil­dung gerecht­fer­tigt ist, und einer Dis­kri­mi­nie­rung, die zu ver­bie­ten ist.?

4 Zweck der Richt­li­nie 2000/78 ist nach ihrem Art. 1 die Schaf­fung eines all­ge­mei­nen Rah­mens zur Bekämp­fung der Dis­kri­mi­nie­rung wegen der Reli­gi­on oder der Welt­an­schau­ung, einer Behin­de­rung, des Alters oder der sexu­el­len Aus­rich­tung in Beschäf­ti­gung und Beruf im Hin­blick auf die Ver­wirk­li­chung des Grund­sat­zes der Gleich­be­hand­lung in den Mit­glied­staa­ten.

5 Art. 2 die­ser Richt­li­nie bestimmt:

?(1) Im Sin­ne die­ser Richt­li­nie bedeu­tet ?Gleich­be­hand­lungs­grund­satz? dass es kei­ne unmit­tel­ba­re oder mit­tel­ba­re Dis­kri­mi­nie­rung wegen eines der in Arti­kel 1 genann­ten Grün­de geben darf.

(2) Im Sin­ne des Absat­zes 1

a) liegt eine unmit­tel­ba­re Dis­kri­mi­nie­rung vor, wenn eine Per­son wegen eines der in Arti­kel 1 genann­ten Grün­de in einer ver­gleich­ba­ren Situa­ti­on eine weni­ger güns­ti­ge Behand­lung erfährt, als eine ande­re Per­son erfährt, erfah­ren hat oder erfah­ren wür­de;

??

6 Art. 3 Abs. 1 der Richt­li­nie sieht vor:

?Im Rah­men der auf die Gemein­schaft über­tra­ge­nen Zustän­dig­kei­ten gilt die­se Richt­li­nie für alle Per­so­nen in öffent­li­chen und pri­va­ten Berei­chen, ein­schließ­lich öffent­li­cher Stel­len, in Bezug auf

?

c) die Beschäftigungs‑ und Arbeits­be­din­gun­gen, ein­schließ­lich der Ent­las­sungs­be­din­gun­gen und des Arbeits­ent­gelts;

??

7 Art. 6 Abs. 1 der Richt­li­nie lau­tet:

?Unge­ach­tet des Arti­kels 2 Absatz 2 kön­nen die Mit­glied­staa­ten vor­se­hen, dass Ungleich­be­hand­lun­gen wegen des Alters kei­ne Dis­kri­mi­nie­rung dar­stel­len, sofern sie objek­tiv und ange­mes­sen sind und im Rah­men des natio­na­len Rechts durch ein legi­ti­mes Ziel, wor­un­ter ins­be­son­de­re recht­mä­ßi­ge Zie­le aus den Berei­chen Beschäf­ti­gungs­po­li­tik, Arbeits­markt und beruf­li­che Bil­dung zu ver­ste­hen sind, gerecht­fer­tigt sind und die Mit­tel zur Errei­chung die­ses Ziels ange­mes­sen und erfor­der­lich sind.

Der­ar­ti­ge Ungleich­be­hand­lun­gen kön­nen ins­be­son­de­re Fol­gen­des ein­schlie­ßen:

a) die Fest­le­gung beson­de­rer Bedin­gun­gen für den Zugang zur Beschäf­ti­gung und zur beruf­li­chen Bil­dung sowie beson­de­rer Beschäftigungs‑ und Arbeits­be­din­gun­gen, ein­schließ­lich der Bedin­gun­gen für Ent­las­sung und Ent­loh­nung, um die beruf­li­che Ein­glie­de­rung von Jugend­li­chen, älte­ren Arbeit­neh­mern und Per­so­nen mit Für­sor­ge­pflich­ten zu för­dern oder ihren Schutz sicher­zu­stel­len;

b) die Fest­le­gung von Min­dest­an­for­de­run­gen an das Alter, die Berufs­er­fah­rung oder das Dienst­al­ter für den Zugang zur Beschäf­ti­gung oder für bestimm­te mit der Beschäf­ti­gung ver­bun­de­ne Vor­tei­le;

c) die Fest­set­zung eines Höchst­al­ters für die Ein­stel­lung auf­grund der spe­zi­fi­schen Aus­bil­dungs­an­for­de­run­gen eines bestimm­ten Arbeits­plat­zes oder auf­grund der Not­wen­dig­keit einer ange­mes­se­nen Beschäf­ti­gungs­zeit vor dem Ein­tritt in den Ruhe­stand.?

8 Die Richt­li­nie 2000/78 war nach ihrem Art. 18 Abs. 1 bis spä­tes­tens 2. Dezem­ber 2003 in natio­na­les Recht umzu­set­zen. Aller­dings sieht Art. 18 Abs. 2 vor:

?Um beson­de­ren Bedin­gun­gen Rech­nung zu tra­gen, kön­nen die Mit­glied­staa­ten erfor­der­li­chen­falls eine Zusatz­frist von drei Jah­ren ab dem 2. Dezem­ber 2003, d. h. ins­ge­samt sechs Jah­re, in Anspruch neh­men, um die Bestim­mun­gen die­ser Richt­li­nie über die Dis­kri­mi­nie­rung wegen des Alters und einer Behin­de­rung umzu­set­zen. In die­sem Fall set­zen sie die Kom­mis­si­on unver­züg­lich davon in Kennt­nis. ??

9 Die Bun­des­re­pu­blik Deutsch­land hat von die­ser Mög­lich­keit Gebrauch gemacht, so dass die Vor­schrif­ten über die Dis­kri­mi­nie­rung wegen des Alters und wegen einer Behin­de­rung in die­sem Mit­glied­staat bis spä­tes­tens 2. Dezem­ber 2006 umge­setzt wer­den muss­ten.

Natio­na­les Recht

Das All­ge­mei­ne Gleich­be­hand­lungs­ge­setz

10 Die §§ 1, 2 und 10 des All­ge­mei­nen Gleich­be­hand­lungs­ge­set­zes vom 14. August 2006 (BGBl. I S. 1897, im Fol­gen­den: AGG), mit dem die Richt­li­nie 2000/78 umge­setzt wor­den ist, bestim­men:

§ 1 Ziel des Geset­zes

Ziel des Geset­zes ist, Benach­tei­li­gun­gen aus Grün­den der Ras­se oder wegen der eth­ni­schen Her­kunft, des Geschlechts, der Reli­gi­on oder Welt­an­schau­ung, einer Behin­de­rung, des Alters oder der sexu­el­len Iden­ti­tät zu ver­hin­dern oder zu besei­ti­gen.

§ 2 Anwen­dungs­be­reich

?

(4) Für Kün­di­gun­gen gel­ten aus­schließ­lich die Bestim­mun­gen zum all­ge­mei­nen und beson­de­ren Kün­di­gungs­schutz.

?

§ 10 Zuläs­si­ge unter­schied­li­che Behand­lung wegen des Alters

Unge­ach­tet des § 8 ist eine unter­schied­li­che Behand­lung wegen des Alters auch zuläs­sig, wenn sie objek­tiv und ange­mes­sen und durch ein legi­ti­mes Ziel gerecht­fer­tigt ist. Die Mit­tel zur Errei­chung die­ses Ziels müs­sen ange­mes­sen und erfor­der­lich sein. Der­ar­ti­ge unter­schied­li­che Behand­lun­gen kön­nen ins­be­son­de­re Fol­gen­des ein­schlie­ßen:

1. die Fest­le­gung beson­de­rer Bedin­gun­gen für den Zugang zur Beschäf­ti­gung und zur beruf­li­chen Bil­dung sowie beson­de­rer Beschäftigungs‑ und Arbeits­be­din­gun­gen, ein­schließ­lich der Bedin­gun­gen für Ent­loh­nung und Been­di­gung des Beschäf­ti­gungs­ver­hält­nis­ses, um die beruf­li­che Ein­glie­de­rung von Jugend­li­chen, älte­ren Beschäf­tig­ten und Per­so­nen mit Für­sor­ge­pflich­ten zu för­dern oder ihren Schutz sicher­zu­stel­len;

??

Die Rege­lung über die Kün­di­gungs­frist

11 § 622 des Bür­ger­li­chen Gesetz­buchs (BGB) bestimmt:

?(1) Das Arbeits­ver­hält­nis eines Arbei­ters oder eines Ange­stell­ten (Arbeit­neh­mers) kann mit einer Frist von vier Wochen zum Fünf­zehn­ten oder zum Ende eines Kalen­der­mo­nats gekün­digt wer­den.

(2) Für eine Kün­di­gung durch den Arbeit­ge­ber beträgt die Kün­di­gungs­frist, wenn das Arbeits­ver­hält­nis in dem Betrieb oder Unter­neh­men

1. zwei Jah­re bestan­den hat, einen Monat zum Ende eines Kalen­der­mo­nats,

2. fünf Jah­re bestan­den hat, zwei Mona­te zum Ende eines Kalen­der­mo­nats,

3. acht Jah­re bestan­den hat, drei Mona­te zum Ende eines Kalen­der­mo­nats,

4. zehn Jah­re bestan­den hat, vier Mona­te zum Ende eines Kalen­der­mo­nats,

5. zwölf Jah­re bestan­den hat, fünf Mona­te zum Ende eines Kalen­der­mo­nats,

6. 15 Jah­re bestan­den hat, sechs Mona­te zum Ende eines Kalen­der­mo­nats,

7. 20 Jah­re bestan­den hat, sie­ben Mona­te zum Ende eines Kalen­der­mo­nats.

Bei der Berech­nung der Beschäf­ti­gungs­dau­er wer­den Zei­ten, die vor der Voll­endung des 25. Lebens­jahrs des Arbeit­neh­mers lie­gen, nicht berück­sich­tigt.?

Aus­gangs­ver­fah­ren und Vor­la­ge­fra­gen

12 Frau Kücük­de­veci wur­de am 12. Febru­ar 1978 gebo­ren. Sie war seit dem 4. Juni 1996, somit seit ihrem voll­ende­ten 18. Lebens­jahr, bei Swe­dex beschäf­tigt.

13 Mit Schrei­ben vom 19. Dezem­ber 2006 erklär­te Swe­dex unter Berück­sich­ti­gung der gesetz­li­chen Frist die Kün­di­gung zum 31. Janu­ar 2007. Der Arbeit­ge­ber berech­ne­te die Kün­di­gungs­frist unter Zugrun­de­le­gung einer Beschäf­ti­gungs­dau­er von drei Jah­ren, obwohl die Arbeit­neh­me­rin seit zehn Jah­ren bei ihm beschäf­tigt war.

14 Frau Kücük­de­veci focht die Kün­di­gung vor dem Arbeits­ge­richt Mön­chen­glad­bach an. Sie mach­te gel­tend, dass nach § 622 Abs. 2 Unter­abs. 1 Nr. 4 BGB eine vier­mo­na­ti­ge Kün­di­gungs­frist vom 31. Dezem­ber 2006 bis zum 30. April 2007 hät­te ein­ge­hal­ten wer­den müs­sen. Die­se Frist ent­spre­che einer zehn­jäh­ri­gen Betriebs­zu­ge­hö­rig­keit. In die­sem Rechts­streit ste­hen sich also zwei Pri­va­te gegen­über, näm­lich Frau Kücük­de­veci einer­seits und Swe­dex ande­rer­seits.

15 Nach Auf­fas­sung von Frau Kücük­de­veci stellt § 622 Abs. 2 Unter­abs. 2 BGB, soweit danach vor Voll­endung des 25. Lebens­jahrs lie­gen­de Betriebs­zu­ge­hö­rig­keits­zei­ten bei der Berech­nung der Kün­di­gungs­frist unbe­rück­sich­tigt blie­ben, eine gegen das Uni­ons­recht ver­sto­ßen­de Dis­kri­mi­nie­rung wegen des Alters dar, so dass er unan­ge­wen­det blei­ben müs­se.

16 Das Lan­des­ar­beits­ge­richt Düs­sel­dorf als Beru­fungs­ge­richt hat fest­ge­stellt, dass die Umset­zungs­frist für die Richt­li­nie 2000/78 zum Zeit­punkt der Kün­di­gungs­er­klä­rung bereits abge­lau­fen gewe­sen sei. Es hat wei­ter aus­ge­führt, dass § 622 BGB eine unmit­tel­ba­re Dis­kri­mi­nie­rung wegen des Alters ent­hal­te, von deren Ver­fas­sungs­wid­rig­keit es nicht über­zeugt sei, deren Ver­ein­bar­keit mit dem Uni­ons­recht jedoch zwei­fel­haft sei. Frag­lich sei inso­weit, ob die Fra­ge einer unmit­tel­ba­ren Dis­kri­mi­nie­rung anhand des Pri­mär­rechts der Uni­on, wie das Urteil vom 22. Novem­ber 2005, Man­gold (C‑144/04, Slg. 2005, I‑9981), nahe­zu­le­gen schei­ne, oder aber anhand der Richt­li­nie 2000/78 zu beur­tei­len sei. Da die Vor­schrift ein­deu­tig und einer richt­li­ni­en­kon­for­men Aus­le­gung nicht zugäng­lich sei, stel­le sich die Fra­ge, ob das vor­le­gen­de Gericht, um sie in Rechts­strei­tig­kei­ten zwi­schen Pri­va­ten unan­ge­wen­det las­sen zu kön­nen, zur Sicher­stel­lung des Schut­zes des Ver­trau­ens der Norm­un­ter­wor­fe­nen ver­pflich­tet sei, zuvor den Gerichts­hof um Vor­ab­ent­schei­dung zu ersu­chen, um durch ihn die Unver­ein­bar­keit die­ser Vor­schrift mit dem Uni­ons­recht bestä­ti­gen zu las­sen.

17 Das Lan­des­ar­beits­ge­richt Düs­sel­dorf hat daher beschlos­sen, dem Gerichts­hof fol­gen­de Fra­gen zur Vor­ab­ent­schei­dung vor­zu­le­gen:

1. a) Ver­stößt eine natio­na­le Geset­zes­re­ge­lung, nach der sich die vom Arbeit­ge­ber ein­zu­hal­ten­den Kün­di­gungs­fris­ten mit zuneh­men­der Dau­er der Beschäf­ti­gung stu­fen­wei­se ver­län­gern, jedoch hier­bei vor Voll­endung des 25. Lebens­jahrs lie­gen­de Beschäf­ti­gungs­zei­ten des Arbeit­neh­mers unbe­rück­sich­tigt blei­ben, gegen das gemein­schafts­recht­li­che Ver­bot der Alters­dis­kri­mi­nie­rung, nament­lich gegen Pri­mär­recht der Gemein­schaft oder gegen die Richt­li­nie 2000/78?

b) Kann ein Recht­fer­ti­gungs­grund dafür, dass der Arbeit­ge­ber bei der Kün­di­gung von jün­ge­ren Arbeit­neh­mern nur eine Grund­kün­di­gungs­frist ein­zu­hal­ten hat, dar­in gese­hen wer­den, dass dem Arbeit­ge­ber ein ? durch län­ge­re Kün­di­gungs­fris­ten beein­träch­tig­tes ? betrieb­li­ches Inter­es­se an per­so­nal­wirt­schaft­li­cher Fle­xi­bi­li­tät zuge­stan­den wird und jün­ge­ren Arbeit­neh­mern nicht der (durch län­ge­re Kün­di­gungs­fris­ten den älte­ren Arbeit­neh­mern ver­mit­tel­te) Bestands‑ und Dis­po­si­ti­ons­schutz zuge­stan­den wird, z. B. weil ihnen im Hin­blick auf ihr Alter und/oder gerin­ge­re sozia­le, fami­liä­re und pri­va­te Ver­pflich­tun­gen eine höhe­re beruf­li­che und per­sön­li­che Fle­xi­bi­li­tät und Mobi­li­tät zuge­mu­tet wird?

2. Wenn die Fra­ge zu 1a bejaht und die Fra­ge zu 1b ver­neint wird:

Hat das Gericht eines Mit­glied­staats in einem Rechts­streit unter Pri­va­ten die dem Gemein­schafts­recht expli­zit ent­ge­gen­ste­hen­de Geset­zes­re­ge­lung unan­ge­wen­det zu las­sen, oder ist dem Ver­trau­en, das die Norm­un­ter­wor­fe­nen in die Anwen­dung gel­ten­der inner­staat­li­cher Geset­ze set­zen, dahin gehend Rech­nung zu tra­gen, dass die Unan­wend­bar­keits­fol­ge erst nach Vor­lie­gen einer Ent­schei­dung des Gerichts­hofs über die inkri­mi­nier­te oder eine im Wesent­li­chen ähn­li­che Rege­lung ein­tritt?

Zu den Vor­la­ge­fra­gen

Zur ers­ten Fra­ge

18 Mit sei­ner ers­ten Fra­ge möch­te das vor­le­gen­de Gericht wis­sen, ob eine natio­na­le Rege­lung wie die des Aus­gangs­ver­fah­rens, nach der vor Voll­endung des 25. Lebens­jahrs lie­gen­de Beschäf­ti­gungs­zei­ten des Arbeit­neh­mers bei der Berech­nung der Kün­di­gungs­frist nicht berück­sich­tigt wer­den, eine durch das Uni­ons­recht, ins­be­son­de­re durch das Pri­mär­recht oder die Richt­li­nie 2000/78, ver­bo­te­ne Ungleich­be­hand­lung wegen des Alters dar­stellt. Es möch­te im Ein­zel­nen wis­sen, ob eine sol­che Rege­lung dadurch gerecht­fer­tigt ist, dass bei der Ent­las­sung jün­ge­rer Arbeit­neh­mer nur eine Grund­kün­di­gungs­frist ein­zu­hal­ten ist, um zum einen den Arbeit­ge­bern per­so­nal­wirt­schaft­li­che Fle­xi­bi­li­tät, die mit län­ge­ren Kün­di­gungs­fris­ten nicht mög­lich sein soll, zuzu­ge­ste­hen, und zum ande­ren, weil jün­ge­ren Arbeit­neh­mern eine höhe­re per­sön­li­che und beruf­li­che Mobi­li­tät als ältern Arbeit­neh­mern zuzu­mu­ten sein soll.

19 Um die­se Fra­ge beant­wor­ten zu kön­nen, ist vor­ab, wie auch das vor­le­gen­de Gericht anregt, fest­zu­stel­len, ob sie anhand des Pri­mär­rechts der Uni­on oder anhand der Richt­li­nie 2000/78 zu prü­fen ist.

20 Inso­weit ist dar­auf hin­zu­wei­sen, dass der Rat der Euro­päi­schen Uni­on ? gestützt auf Art. 13 EG ? die Richt­li­nie 2000/78 erlas­sen hat, die, wie der Gerichts­hof ent­schie­den hat, selbst nicht den Grund­satz der Gleich­be­hand­lung in Beschäf­ti­gung und Beruf, der sei­nen Ursprung in ver­schie­de­nen völ­ker­recht­li­chen Ver­trä­gen und den gemein­sa­men Ver­fas­sungs­tra­di­tio­nen der Mit­glied­staa­ten hat, nie­der­legt, son­dern ledig­lich einen all­ge­mei­nen Rah­men zur Bekämp­fung ver­schie­de­ner For­men der Dis­kri­mi­nie­rung in die­sen Berei­chen, u. a. wegen des Alters, schaf­fen soll (vgl. Urteil Man­gold, Randnr. 74).

21 Der Gerichts­hof hat in die­sem Zusam­men­hang aner­kannt, dass ein Ver­bot der Dis­kri­mi­nie­rung wegen des Alters besteht, das als ein all­ge­mei­ner Grund­satz des Uni­ons­rechts anzu­se­hen ist (vgl. Urteil Man­gold, Randnr. 75). Die Richt­li­nie 2000/78 kon­kre­ti­siert die­sen Grund­satz (vgl. ent­spre­chend Urteil vom 8. April 1976, Defren­ne, 43/75, Slg. 1976, 455, Randnr. 54).

22 Zudem ist auf Art. 6 Abs. 1 EUV hin­zu­wei­sen, wonach die Char­ta der Grund­rech­te der Euro­päi­schen Uni­on und die Ver­trä­ge recht­lich gleich­ran­gig sind. Nach Art. 21 Abs. 1 die­ser Char­ta sind ?Dis­kri­mi­nie­run­gen ins­be­son­de­re wegen ? des Alters? ver­bo­ten.

23 Das Ver­bot der Dis­kri­mi­nie­rung wegen des Alters gilt in einem Fall wie dem des Aus­gangs­ver­fah­rens aber nur dann, wenn die­ser in den Anwen­dungs­be­reich des Uni­ons­rechts fällt.

24 Anders als in der Rechts­sa­che, in der das Urteil vom 23. Sep­tem­ber 2008, Bartsch (C‑427/06, Slg. 2008, I‑7245), ergan­gen ist, ist es zu dem auf der frag­li­chen natio­na­len Rege­lung beru­hen­den, ver­meint­lich dis­kri­mi­nie­ren­den Ver­hal­ten im Aus­gangs­ver­fah­ren nach Ablauf der dem betref­fen­den Mit­glied­staat gesetz­ten Frist zur Umset­zung der Richt­li­nie 2000/78, die für die Bun­des­re­pu­blik Deutsch­land am 2. Dezem­ber 2006 ende­te, gekom­men.

25 Zu die­sem Zeit­punkt hat die­se Richt­li­nie bewirkt, dass die im Aus­gangs­ver­fah­ren frag­li­che Rege­lung, die einen von der Richt­li­nie gere­gel­ten Bereich erfasst, näm­lich die Ent­las­sungs­be­din­gun­gen, in den Anwen­dungs­be­reich des Uni­ons­rechts fällt.

26 Eine natio­na­le Bestim­mung wie § 622 Abs. 2 Unter­abs. 2 BGB berührt näm­lich dadurch, dass sie bestimmt, dass die vor Voll­endung des 25. Lebens­jahrs zurück­ge­leg­ten Beschäf­ti­gungs­zei­ten des Arbeit­neh­mers bei der Berech­nung der Kün­di­gungs­frist unbe­rück­sich­tigt blei­ben, die Bedin­gun­gen der Ent­las­sung von Arbeit­neh­mern. Mit einer der­ar­ti­gen Rege­lung wer­den dem­nach Bestim­mun­gen über Ent­las­sungs­be­din­gun­gen auf­ge­stellt.

27 Dar­aus folgt, dass die Fra­ge, ob das Uni­ons­recht einer natio­na­len Rege­lung wie der im Aus­gangs­ver­fah­ren frag­li­chen ent­ge­gen­steht, auf der Grund­la­ge des jede Dis­kri­mi­nie­rung wegen des Alters ver­bie­ten­den all­ge­mei­nen Grund­sat­zes des Uni­ons­rechts, wie er in der Richt­li­nie 2000/78 kon­kre­ti­siert ist, zu prü­fen ist.

28 Was zwei­tens die Fra­ge betrifft, ob die im Aus­gangs­ver­fah­ren in Rede ste­hen­de Rege­lung eine Ungleich­be­hand­lung wegen des Alters ent­hält, so bedeu­tet nach Art. 2 Abs. 1 der Richt­li­nie 2000/78 ?Gleich­be­hand­lungs­grund­satz? im Sin­ne die­ser Richt­li­nie, dass es kei­ne unmit­tel­ba­re oder mit­tel­ba­re Dis­kri­mi­nie­rung wegen eines der in Art. 1 der Richt­li­nie genann­ten Grün­de geben darf. Art. 2 Abs. 2 Buchst. a der Richt­li­nie stellt klar, dass eine unmit­tel­ba­re Dis­kri­mi­nie­rung im Sin­ne des Abs. 1 vor­liegt, wenn eine Per­son wegen eines der in Art. 1 der Richt­li­nie genann­ten Grün­de in einer ver­gleich­ba­ren Situa­ti­on eine weni­ger güns­ti­ge Behand­lung erfährt, als eine ande­re Per­son erfährt, erfah­ren hat oder erfah­ren wür­de (vgl. Urtei­le vom 16. Okto­ber 2007, Pala­ci­os de la Vil­la, C‑411/05, Slg. 2007, I‑8531, Randnr. 50, und vom 5. März 2009, Age Con­cern Eng­land, C‑388/07, noch nicht in der amt­li­chen Samm­lung ver­öf­fent­licht, Randnr. 33).

29 Im vor­lie­gen­den Fall sieht § 622 Abs. 2 Unter­abs. 2 BGB eine weni­ger güns­ti­ge Behand­lung für Arbeit­neh­mer vor, die ihre Beschäf­ti­gung bei dem Arbeit­ge­ber vor Voll­endung des 25. Lebens­jahrs auf­ge­nom­men haben. Die­se natio­na­le Rege­lung behan­delt somit Per­so­nen, die die glei­che Betriebs­zu­ge­hö­rig­keits­dau­er auf­wei­sen, unter­schied­lich, je nach­dem, in wel­chem Alter sie in den Betrieb ein­ge­tre­ten sind.

30 Bei zwei Arbeit­neh­mern, die bei­de 20 Jah­re Betriebs­zu­ge­hö­rig­keit auf­wei­sen, gilt für den einen, der mit 18 Jah­ren in den Betrieb ein­ge­tre­ten ist, eine Kün­di­gungs­frist von fünf Mona­ten, wäh­rend für den ande­ren, der mit 25 Jah­ren ein­ge­tre­ten ist, eine Frist von sie­ben Mona­ten gilt. Dar­über hin­aus benach­tei­ligt die im Aus­gangs­ver­fah­ren frag­li­che natio­na­le Rege­lung, wie der Gene­ral­an­walt in Nr. 36 sei­ner Schluss­an­trä­ge aus­ge­führt hat, gene­rell jun­ge Arbeit­neh­mer gegen­über älte­ren Arbeit­neh­mern, da Ers­te­re, wie der Fall der Klä­ge­rin des Aus­gangs­ver­fah­rens zeigt, trotz einer mehr­jäh­ri­gen Betriebs­zu­ge­hö­rig­keit von der Ver­güns­ti­gung der stu­fen­wei­sen Ver­län­ge­rung der Kün­di­gungs­fris­ten ent­spre­chend der zuneh­men­den Beschäf­ti­gungs­dau­er aus­ge­schlos­sen wer­den kön­nen, wäh­rend sie älte­ren Arbeit­neh­mern mit ver­gleich­ba­rer Beschäf­ti­gungs­dau­er zugu­te­kommt.

31 Die frag­li­che natio­na­le Rege­lung ent­hält folg­lich eine Ungleich­be­hand­lung, die auf dem Kri­te­ri­um des Alters beruht.

32 Drit­tens ist zu prü­fen, ob die­se Ungleich­be­hand­lung eine Dis­kri­mi­nie­rung dar­stel­len kann, die durch das mit der Richt­li­nie 2000/78 kon­kre­ti­sier­te Ver­bot der Dis­kri­mi­nie­rung wegen des Alters unter­sagt ist.

33 Nach Art. 6 Abs. 1 Unter­abs. 1 der Richt­li­nie 2000/78 stellt eine Ungleich­be­hand­lung wegen des Alters kei­ne Dis­kri­mi­nie­rung dar, sofern sie objek­tiv und ange­mes­sen ist und im Rah­men des natio­na­len Rechts durch ein legi­ti­mes Ziel, wor­un­ter ins­be­son­de­re recht­mä­ßi­ge Zie­le aus den Berei­chen Beschäf­ti­gungs­po­li­tik, Arbeits­markt und beruf­li­che Bil­dung zu ver­ste­hen sind, gerecht­fer­tigt ist und die Mit­tel zur Errei­chung die­ses Ziels ange­mes­sen und erfor­der­lich sind.

34 Nach den Anga­ben des vor­le­gen­den Gerichts und den Erläu­te­run­gen der deut­schen Regie­rung in der münd­li­chen Ver­hand­lung geht § 622 BGB auf ein Gesetz von 1926 zurück. Die Fest­le­gung der Schwel­le von 25 Jah­ren in die­sem Gesetz sei das Ergeb­nis eines Kom­pro­mis­ses zwi­schen der dama­li­gen Regie­rung, die eine ein­heit­li­che Ver­län­ge­rung der Kün­di­gungs­frist für Arbeit­neh­mer über 40 Jah­ren um drei Mona­te gewünscht habe, den Befür­wor­tern einer stu­fen­wei­sen Ver­län­ge­rung die­ser Frist für alle Arbeit­neh­mer und den Befür­wor­tern einer stu­fen­wei­sen Ver­län­ge­rung der Kün­di­gungs­frist ohne Berück­sich­ti­gung der Beschäf­ti­gungs­dau­er; Ziel die­ser Regel sei es, die Arbeit­ge­ber von den Belas­tun­gen durch die län­ge­ren Kün­di­gungs­fris­ten teil­wei­se frei­zu­stel­len, näm­lich bei Arbeit­neh­mern unter 25 Jah­ren.

35 Dem vor­le­gen­den Gericht zufol­ge spie­gelt § 622 Abs. 2 Unter­abs. 2 BGB die Ein­schät­zung des Gesetz­ge­bers wider, dass es jün­ge­ren Arbeit­neh­mern regel­mä­ßig leich­ter fal­le und schnel­ler gelin­ge, auf den Ver­lust ihres Arbeits­plat­zes zu reagie­ren, und dass ihnen grö­ße­re Fle­xi­bi­li­tät zuge­mu­tet wer­den kön­ne. Schließ­lich erleich­ter­ten kür­ze­re Kün­di­gungs­fris­ten für jün­ge­re Arbeit­neh­mer deren Ein­stel­lung, indem sie die per­so­nal­wirt­schaft­li­che Fle­xi­bi­li­tät erhöh­ten.

36 Zie­le wie die von der deut­schen Regie­rung und dem vor­le­gen­den Gericht genann­ten gehö­ren zur Beschäf­ti­gungs- und Arbeits­markt­po­li­tik im Sin­ne des Art. 6 Abs. 1 der Richt­li­nie 2000/78.

37 Nach die­ser Bestim­mung ist aber wei­ter zu prü­fen, ob die zur Errei­chung eines sol­chen legi­ti­men Ziels ein­ge­setz­ten Mit­tel ?ange­mes­sen und erfor­der­lich? sind.

38 Inso­weit ist dar­auf hin­zu­wei­sen, dass die Mit­glied­staa­ten über einen wei­ten Ermes­sens­spiel­raum bei der Wahl der Maß­nah­men zur Errei­chung ihrer Zie­le im Bereich der Arbeits- und Sozi­al­po­li­tik ver­fü­gen (vgl. Urtei­le Man­gold, Randnr. 63, und Pala­ci­os de la Vil­la, Randnr. 68).

39 Das vor­le­gen­de Gericht führt aus, dass das Ziel der im Aus­gangs­ver­fah­ren frag­li­chen natio­na­len Rege­lung dar­in bestehe, dem Arbeit­ge­ber eine grö­ße­re per­so­nal­wirt­schaft­li­che Fle­xi­bi­li­tät zu ver­schaf­fen, indem sei­ne Belas­tung im Zusam­men­hang mit der Ent­las­sung jün­ge­rer Arbeit­neh­mer ver­rin­gert wer­de, denen eine grö­ße­re beruf­li­che und per­sön­li­che Mobi­li­tät zuge­mu­tet wer­den kön­ne.

40 Die­se Rege­lung ist jedoch kei­ne im Hin­blick auf die Errei­chung die­ses Ziels ange­mes­se­ne Maß­nah­me, weil sie für alle Arbeit­neh­mer, die vor Voll­endung des 25. Lebens­jahrs in den Betrieb ein­ge­tre­ten sind, unab­hän­gig davon gilt, wie alt sie zum Zeit­punkt ihrer Ent­las­sung sind.

41 Was das vom Gesetz­ge­ber mit dem Erlass der im Aus­gangs­ver­fah­ren frag­li­chen natio­na­len Rege­lung ver­folg­te und von der deut­schen Regie­rung ange­führ­te Ziel betrifft, den Schutz der Arbeit­neh­mer ent­spre­chend der Dau­er der Betriebs­zu­ge­hö­rig­keit zu ver­stär­ken, so ver­zö­gert sich die Ver­län­ge­rung der Kün­di­gungs­frist ent­spre­chend der Beschäf­ti­gungs­dau­er des Arbeit­neh­mers nach die­ser Rege­lung für einen Arbeit­neh­mer, der vor Voll­endung des 25. Lebens­jahrs in den Betrieb ein­ge­tre­ten ist, selbst wenn der Betrof­fe­ne bei sei­ner Ent­las­sung eine lan­ge Betriebs­zu­ge­hö­rig­keit auf­weist. Die­se Rege­lung kann daher nicht als zur Errei­chung des behaup­te­ten Ziels geeig­net ange­se­hen wer­den.

42 Fer­ner berührt die im Aus­gangs­ver­fah­ren frag­li­che natio­na­le Rege­lung, wie das vor­le­gen­de Gericht aus­führt, jun­ge Arbeit­neh­mer ungleich, weil sie die­je­ni­gen jun­gen Men­schen trifft, die ohne oder nach nur kur­zer Berufs­aus­bil­dung früh eine Arbeits­tä­tig­keit auf­neh­men, nicht aber die, die nach lan­ger Aus­bil­dung spä­ter in den Beruf ein­tre­ten.

43 Nach alle­dem ist auf die ers­te Fra­ge zu ant­wor­ten, dass das Uni­ons­recht, ins­be­son­de­re das Ver­bot der Dis­kri­mi­nie­rung wegen des Alters in sei­ner Kon­kre­ti­sie­rung durch die Richt­li­nie 2000/78, dahin aus­zu­le­gen ist, dass es einer Rege­lung wie der im Aus­gangs­ver­fah­ren frag­li­chen ent­ge­gen­steht, nach der vor Voll­endung des 25. Lebens­jahrs lie­gen­de Beschäf­ti­gungs­zei­ten des Arbeit­neh­mers bei der Berech­nung der Kün­di­gungs­frist nicht berück­sich­tigt wer­den.

Zur zwei­ten Fra­ge

44 Mit sei­ner zwei­ten Fra­ge möch­te das vor­le­gen­de Gericht wis­sen, ob es in einem Rechts­streit zwi­schen Pri­va­ten, um eine natio­na­le Rege­lung, die es für mit dem Uni­ons­recht unver­ein­bar hält, unan­ge­wen­det las­sen zu kön­nen, zuvor zur Sicher­stel­lung des Schut­zes des berech­tig­ten Ver­trau­ens der Norm­un­ter­wor­fe­nen den Gerichts­hof nach Art. 267 AEUV anru­fen muss, um durch ihn die Unver­ein­bar­keit die­ser Vor­schrift mit dem Uni­ons­recht bestä­ti­gen zu las­sen.

45 Was ers­tens die Rol­le des natio­na­len Gerichts betrifft, das über einen Rechts­streit zwi­schen Pri­va­ten zu ent­schei­den hat, in dem sich zeigt, dass die frag­li­che natio­na­le Rege­lung gegen das Uni­ons­recht ver­stößt, hat der Gerichts­hof ent­schie­den, dass es den natio­na­len Gerich­ten obliegt, den Rechts­schutz sicher­zu­stel­len, der sich für den Ein­zel­nen aus den uni­ons­recht­li­chen Bestim­mun­gen ergibt, und deren vol­le Wir­kung zu gewähr­leis­ten (vgl. in die­sem Sin­ne Urtei­le vom 5. Okto­ber 2004, Pfeif­fer u. a., C‑397/01 bis C‑403/01, Slg. 2004, I‑8835, Randnr. 111, und vom 15. April 2008, Impact, C‑268/06, Slg. 2008, I‑2483, Randnr. 42).

46 Zu Rechts­strei­tig­kei­ten zwi­schen Pri­va­ten hat der Gerichts­hof in stän­di­ger Recht­spre­chung ent­schie­den, dass eine Richt­li­nie nicht selbst Ver­pflich­tun­gen für einen Ein­zel­nen begrün­den kann, so dass ihm gegen­über eine Beru­fung auf die Richt­li­nie als sol­che nicht mög­lich ist (vgl. ins­be­son­de­re Urtei­le vom 26. Febru­ar 1986, Mar­shall, 152/84, Slg. 1986, 723, Randnr. 48, vom 14. Juli 1994, Fac­ci­ni Dori, C‑91/92, Slg. 1994, I‑3325, Randnr. 20, sowie Pfeif­fer u. a., Randnr. 108).

47 Jedoch oblie­gen die sich aus einer Richt­li­nie erge­ben­de Ver­pflich­tung der Mit­glied­staa­ten, das in die­ser Richt­li­nie vor­ge­se­he­ne Ziel zu errei­chen, und deren Pflicht, alle zur Erfül­lung die­ser Ver­pflich­tung geeig­ne­ten Maß­nah­men all­ge­mei­ner oder beson­de­rer Art zu tref­fen, allen Trä­gern öffent­li­cher Gewalt der Mit­glied­staa­ten und damit im Rah­men ihrer Zustän­dig­kei­ten auch den Gerich­ten (vgl. in die­sem Sin­ne u. a. Urtei­le vom 10. April 1984, von Col­son und Kamann, 14/83, Slg. 1984, 1891, Randnr. 26, vom 13. Novem­ber 1990, Mar­lea­sing, C‑106/89, Slg. 1990, I‑4135, Randnr. 8, Fac­ci­ni Dori, Randnr. 26, vom 18. Dezem­ber 1997, Inter-Envi­ron­ne­ment Wal­lo­nie, C‑129/96, Slg. 1997, I‑7411, Randnr. 40, Pfeif­fer u. a., Randnr. 110, sowie vom 23. April 2009, Angel­i­da­ki u. a., C‑378/07 bis C‑380/07, noch nicht in der amt­li­chen Samm­lung ver­öf­fent­licht, Randnr. 106).

48 Folg­lich muss ein natio­na­les Gericht, das bei der Anwen­dung des natio­na­len Rechts die­ses Recht aus­zu­le­gen hat, sei­ne Aus­le­gung so weit wie mög­lich am Wort­laut und Zweck die­ser Richt­li­nie aus­rich­ten, um das in ihr fest­ge­leg­te Ergeb­nis zu errei­chen und so Art. 288 Abs. 3 AEUV nach­zu­kom­men (vgl. in die­sem Sin­ne Urtei­le von Col­son und Kamann, Randnr. 26; Mar­lea­sing, Randnr. 8, Fac­ci­ni Dori, Randnr. 26, und Pfeif­fer u. a., Randnr. 113). Das Gebot einer uni­ons­rechts­kon­for­men Aus­le­gung des natio­na­len Rechts ist dem Sys­tem des Ver­trags imma­nent, da dem natio­na­len Gericht dadurch ermög­licht wird, im Rah­men sei­ner Zustän­dig­keit die vol­le Wirk­sam­keit des Uni­ons­rechts sicher­zu­stel­len, wenn es über den bei ihm anhän­gi­gen Rechts­streit ent­schei­det (vgl. in die­sem Sin­ne Urteil Pfeif­fer u. a., Randnr. 114).

49 Dem vor­le­gen­den Gericht zufol­ge ist § 622 Abs. 2 Unter­abs. 2 BGB jedoch wegen sei­ner Klar­heit und Ein­deu­tig­keit einer der Richt­li­nie 2000/78 kon­for­men Aus­le­gung nicht zugäng­lich.

50 Inso­weit ist zum einen zu beach­ten, dass der Grund­satz der Gleich­be­hand­lung in Beschäf­ti­gung und Beruf, wie in Randnr. 20 des vor­lie­gen­den Urteils aus­ge­führt, in der Richt­li­nie 2000/78 nicht ver­an­kert ist, son­dern dort nur kon­kre­ti­siert wird, und zum ande­ren, dass das Ver­bot der Dis­kri­mi­nie­rung wegen des Alters ein all­ge­mei­ner Grund­satz des Uni­ons­rechts ist, da er eine spe­zi­fi­sche Anwen­dung des all­ge­mei­nen Gleich­be­hand­lungs­grund­sat­zes dar­stellt (vgl. in die­sem Sin­ne Urteil Man­gold, Randnrn. 74 bis 76).

51 Es obliegt daher dem natio­na­len Gericht, bei dem ein Rechts­streit über das Ver­bot der Dis­kri­mi­nie­rung wegen des Alters in sei­ner Kon­kre­ti­sie­rung durch die Richt­li­nie 2000/78 anhän­gig ist, im Rah­men sei­ner Zustän­dig­kei­ten den recht­li­chen Schutz, der sich für den Ein­zel­nen aus dem Uni­ons­recht ergibt, sicher­zu­stel­len und die vol­le Wirk­sam­keit des Uni­ons­rechts zu gewähr­leis­ten, indem es erfor­der­li­chen­falls jede die­sem Ver­bot ent­ge­gen­ste­hen­de Bestim­mung des natio­na­len Rechts unan­ge­wen­det lässt (vgl. in die­sem Sin­ne Urteil Man­gold, Randnr. 77).

52 Was zwei­tens die Fra­ge der Ver­pflich­tung des natio­na­len Gerichts angeht, in einem Rechts­streit zwi­schen Pri­va­ten den Gerichts­hof um Vor­ab­ent­schei­dung über die Aus­le­gung des Uni­ons­rechts zu ersu­chen, bevor es eine natio­na­le Vor­schrift, die es für uni­ons­rechts­wid­rig hält, unan­ge­wen­det las­sen kann, so ergibt sich aus der Vor­la­ge­ent­schei­dung, dass die­ser Aspekt der Fra­ge dar­in begrün­det liegt, dass das vor­le­gen­de Gericht nach natio­na­lem Recht eine gel­ten­de Bestim­mung die­ses Rechts nur dann unan­ge­wen­det las­sen darf, wenn die­se Bestim­mung zuvor vom Bun­des­ver­fas­sungs­ge­richt für ver­fas­sungs­wid­rig erklärt wur­de.

53 Die Not­wen­dig­keit, die vol­le Wirk­sam­keit des Ver­bots der Dis­kri­mi­nie­rung wegen des Alters in sei­ner Kon­kre­ti­sie­rung durch die Richt­li­nie 2000/78 zu gewähr­leis­ten, bedeu­tet, dass das natio­na­le Gericht eine in den Anwen­dungs­be­reich des Uni­ons­rechts fal­len­de natio­na­le Bestim­mung, die es für mit die­sem Ver­bot unver­ein­bar hält und die einer uni­ons­rechts­kon­for­men Aus­le­gung nicht zugäng­lich ist, unan­ge­wen­det las­sen muss, ohne dass es ver­pflich­tet oder gehin­dert wäre, zuvor den Gerichts­hof um Vor­ab­ent­schei­dung zu ersu­chen.

54 Die dem natio­na­len Gericht mit Art. 267 Abs. 2 AEUV ein­ge­räum­te Mög­lich­keit, den Gerichts­hof im Wege der Vor­ab­ent­schei­dung um Aus­le­gung zu ersu­chen, bevor es die uni­ons­rechts­wid­ri­ge natio­na­le Bestim­mung unan­ge­wen­det lässt, kann sich jedoch nicht des­halb in eine Ver­pflich­tung ver­keh­ren, weil das natio­na­le Recht es die­sem Gericht nicht erlaubt, eine natio­na­le Bestim­mung, die es für ver­fas­sungs­wid­rig hält, unan­ge­wen­det zu las­sen, wenn sie nicht zuvor vom Bun­des­ver­fas­sungs­ge­richt für ver­fas­sungs­wid­rig erklärt wor­den ist. Denn nach dem Grund­satz des Vor­rangs des Uni­ons­rechts, der auch dem Ver­bot der Dis­kri­mi­nie­rung wegen des Alters zukommt, ist eine uni­ons­rechts­wid­ri­ge natio­na­le Rege­lung, die in den Anwen­dungs­be­reich des Uni­ons­rechts fällt, unan­ge­wen­det zu las­sen (vgl. in die­sem Sin­ne Urteil Man­gold, Randnr. 77).

55 Dar­aus folgt, dass das natio­na­le Gericht in einem Rechts­streit zwi­schen Pri­va­ten nicht ver­pflich­tet, aber berech­tigt ist, den Gerichts­hof um eine Vor­ab­ent­schei­dung über die Aus­le­gung des Ver­bots der Dis­kri­mi­nie­rung wegen des Alters in sei­ner Kon­kre­ti­sie­rung durch die Richt­li­nie 2000/78 zu ersu­chen, bevor es eine Bestim­mung des natio­na­len Rechts, die es für mit die­sem Ver­bot unver­ein­bar hält, unan­ge­wen­det lässt. Der fakul­ta­ti­ve Cha­rak­ter die­ser Anru­fung des Gerichts­hofs ist unab­hän­gig davon, unter wel­chen Bedin­gun­gen das natio­na­le Gericht nach inner­staat­li­chem Recht eine natio­na­le Bestim­mung, die es für ver­fas­sungs­wid­rig hält, unan­ge­wen­det las­sen kann.

56 Nach alle­dem ist auf die zwei­te Fra­ge zu ant­wor­ten, dass es dem natio­na­len Gericht obliegt, in einem Rechts­streit zwi­schen Pri­va­ten die Beach­tung des Ver­bots der Dis­kri­mi­nie­rung wegen des Alters in sei­ner Kon­kre­ti­sie­rung durch die Richt­li­nie 2000/78 zu gewähr­leis­ten, indem es erfor­der­li­chen­falls ent­ge­gen­ste­hen­de Vor­schrif­ten des inner­staat­li­chen Rechts unan­ge­wen­det lässt, unab­hän­gig davon, ob es von sei­ner Befug­nis Gebrauch macht, in den Fäl­len des Art. 267 Abs. 2 AEUV den Gerichts­hof um eine Vor­ab­ent­schei­dung über die Aus­le­gung die­ses Ver­bots zu ersu­chen.

Kos­ten

57 Für die Par­tei­en des Aus­gangs­ver­fah­rens ist das Ver­fah­ren ein Zwi­schen­streit in dem bei dem vor­le­gen­den Gericht anhän­gi­gen Rechts­streit; die Kos­ten­ent­schei­dung ist daher Sache die­ses Gerichts. Die Aus­la­gen ande­rer Betei­lig­ter für die Abga­be von Erklä­run­gen vor dem Gerichts­hof sind nicht erstat­tungs­fä­hig.

Aus die­sen Grün­den hat der Gerichts­hof (Gro­ße Kam­mer) für Recht erkannt:

1. Das Uni­ons­recht, ins­be­son­de­re das Ver­bot der Dis­kri­mi­nie­rung wegen des Alters in sei­ner Kon­kre­ti­sie­rung durch die Richt­li­nie 2000/78/EG des Rates vom 27. Novem­ber 2000 zur Fest­le­gung eines all­ge­mei­nen Rah­mens für die Ver­wirk­li­chung der Gleich­be­hand­lung in Beschäf­ti­gung und Beruf, ist dahin aus­zu­le­gen, dass es einer Rege­lung wie der im Aus­gangs­ver­fah­ren frag­li­chen ent­ge­gen­steht, nach der vor Voll­endung des 25. Lebens­jahrs lie­gen­de Beschäf­ti­gungs­zei­ten des Arbeit­neh­mers bei der Berech­nung der Kün­di­gungs­frist nicht berück­sich­tigt wer­den.

2. Es obliegt dem natio­na­len Gericht, in einem Rechts­streit zwi­schen Pri­va­ten die Beach­tung des Ver­bots der Dis­kri­mi­nie­rung wegen des Alters in sei­ner Kon­kre­ti­sie­rung durch die Richt­li­nie 2000/78 sicher­zu­stel­len, indem es erfor­der­li­chen­falls ent­ge­gen­ste­hen­de Vor­schrif­ten des inner­staat­li­chen Rechts unan­ge­wen­det lässt, unab­hän­gig davon, ob es von sei­ner Befug­nis Gebrauch macht, in den Fäl­len des Art. 267 Abs. 2 AEUV den Gerichts­hof der Euro­päi­schen Uni­on im Wege der Vor­ab­ent­schei­dung um Aus­le­gung die­ses Ver­bots zu ersu­chen.

Unter­schrif­ten

Infor­ma­tio­nen:

 
 
 
 

?Ver­bot der Dis­kri­mi­nie­rung wegen des Alters ? Richt­li­nie 2000/78/EG ? Natio­na­le Kün­di­gungs­schutz­re­ge­lung, nach der vor Voll­endung des 25. Lebens­jahrs lie­gen­de Beschäf­ti­gungs­zei­ten des Arbeit­neh­mers bei der Berech­nung der Kün­di­gungs­frist nicht berück­sicht

 

In der Rechts­sa­che C‑555/07

betref­fend ein Vor­ab­ent­schei­dungs­er­su­chen nach Art …

(vdaa)  In der Rechts­sa­che C‑555/07

betref­fend ein Vor­ab­ent­schei­dungs­er­su­chen nach Art. 234 EG, ein­ge­reicht vom Lan­des­ar­beits­ge­richt Düs­sel­dorf (Deutsch­land) mit Ent­schei­dung vom 21. Novem­ber 2007, beim Gerichts­hof ein­ge­gan­gen am 13. Dezem­ber 2007, in dem Ver­fah­ren

Seda Kücük­de­veci

gegen

Swe­dex GmbH & Co. KG

erlässt

DER GERICHTSHOF (Gro­ße Kam­mer)

unter Mit­wir­kung des Prä­si­den­ten V. Skou­ris, der Kam­mer­prä­si­den­ten J. N. Cun­ha Rod­ri­gues, K. Lena­erts und J.‑C. Boni­chot, der Kam­mer­prä­si­den­tin­nen R. Sil­va de Lapu­er­ta, P. Lindh (Bericht­erstat­te­rin) und C. Toa­der sowie der Rich­ter C. W. A. Tim­mermans, A. Rosas, P. Kūris, T. von Dan­witz, A. Ara­b­ad­jiev und J.‑J. Kasel,

Gene­ral­an­walt: Y. Bot,

Kanz­ler: K. Malacek, Ver­wal­tungs­rat,

auf­grund des schrift­li­chen Ver­fah­rens und auf die münd­li­che Ver­hand­lung vom 31. März 2009,

unter Berück­sich­ti­gung der Erklä­run­gen

? der Swe­dex GmbH & Co. KG, ver­tre­ten durch Rechts­an­walt M. Nebe­ling,

? der deut­schen Regie­rung, ver­tre­ten durch M. Lum­ma und J. Möl­ler als Bevoll­mäch­tig­te,

? der tsche­chi­schen Regie­rung, ver­tre­ten durch M. Smo­lek als Bevoll­mäch­tig­ten,

? der däni­schen Regie­rung, ver­tre­ten durch J. Bering Liis­berg als Bevoll­mäch­tig­ten,

? von Irland, ver­tre­ten durch D. O?Hagan als Bevoll­mäch­tig­ten im Bei­stand von N. Tra­vers, BL, und A. Col­lins, SC,

? der nie­der­län­di­schen Regie­rung, ver­tre­ten durch C. Wis­sels und M. de Mol als Bevoll­mäch­tig­te,

? der Regie­rung des Ver­ei­nig­ten König­reichs, ver­tre­ten durch I. Rao als Bevoll­mäch­tig­te im Bei­stand von J. Strat­ford, Bar­ris­ter,

? der Kom­mis­si­on der Euro­päi­schen Gemein­schaf­ten, ver­tre­ten durch V. Kreu­schitz und J. Ene­gren als Bevoll­mäch­tig­te,

nach Anhö­rung der Schluss­an­trä­ge des Gene­ral­an­walts in der Sit­zung vom 7. Juli 2009

fol­gen­des

Urteil

1 Das Vor­ab­ent­schei­dungs­er­su­chen betrifft die Aus­le­gung des Ver­bots der Dis­kri­mi­nie­rung wegen des Alters und der Richt­li­nie 2000/78/EG des Rates vom 27. Novem­ber 2000 zur Fest­le­gung eines all­ge­mei­nen Rah­mens für die Ver­wirk­li­chung der Gleich­be­hand­lung in Beschäf­ti­gung und Beruf (ABl. L 303, S. 16).

2 Die­ses Ersu­chen ergeht im Rah­men eines Rechts­streits zwi­schen Frau Kücük­de­veci und ihrem ehe­ma­li­gen Arbeit­ge­ber Swe­dex GmbH & Co. KG (im Fol­gen­den: Swe­dex) über die Berech­nung der Kün­di­gungs­frist.

Recht­li­cher Rah­men

Uni­ons­recht

3 Die Richt­li­nie 2000/78 wur­de auf der Grund­la­ge von Art. 13 EG erlas­sen. Die Erwä­gungs­grün­de 1, 4 und 25 die­ser Richt­li­nie lau­ten:

?(1) Nach Arti­kel 6 Absatz 2 des Ver­trags über die Euro­päi­sche Uni­on beruht die Euro­päi­sche Uni­on auf den Grund­sät­zen der Frei­heit, der Demo­kra­tie, der Ach­tung der Men­schen­rech­te und Grund­frei­hei­ten sowie der Rechts­staat­lich­keit; die­se Grund­sät­ze sind allen Mit­glied­staa­ten gemein­sam. Die Uni­on ach­tet die Grund­rech­te, wie sie in der [am 4. Novem­ber 1950 in Rom unter­zeich­ne­ten] Euro­päi­schen Kon­ven­ti­on zum Schut­ze der Men­schen­rech­te und Grund­frei­hei­ten gewähr­leis­tet sind und wie sie sich aus den gemein­sa­men Ver­fas­sungs­über­lie­fe­run­gen der Mit­glied­staa­ten als all­ge­mei­ne Grund­sät­ze des Gemein­schafts­rechts erge­ben.

?

(4) Die Gleich­heit aller Men­schen vor dem Gesetz und der Schutz vor Dis­kri­mi­nie­rung ist ein all­ge­mei­nes Men­schen­recht; die­ses Recht wur­de in der All­ge­mei­nen Erklä­rung der Men­schen­rech­te, im VN-Über­ein­kom­men zur Besei­ti­gung aller For­men der Dis­kri­mi­nie­rung von Frau­en, im Inter­na­tio­na­len Pakt der VN über bür­ger­li­che und poli­ti­sche Rech­te, im Inter­na­tio­na­len Pakt der VN über wirt­schaft­li­che, sozia­le und kul­tu­rel­le Rech­te sowie in der Euro­päi­schen Kon­ven­ti­on zum Schut­ze der Men­schen­rech­te und Grund­frei­hei­ten aner­kannt, die von allen Mit­glied­staa­ten unter­zeich­net wur­den. Das Über­ein­kom­men 111 der Inter­na­tio­na­len Arbeits­or­ga­ni­sa­ti­on unter­sagt Dis­kri­mi­nie­run­gen in Beschäf­ti­gung und Beruf.

?

(25) Das Ver­bot der Dis­kri­mi­nie­rung wegen des Alters stellt ein wesent­li­ches Ele­ment zur Errei­chung der Zie­le der beschäf­ti­gungs­po­li­ti­schen Leit­li­ni­en und zur För­de­rung der Viel­falt im Bereich der Beschäf­ti­gung dar. Ungleich­be­hand­lun­gen wegen des Alters kön­nen unter bestimm­ten Umstän­den jedoch gerecht­fer­tigt sein und erfor­dern daher beson­de­re Bestim­mun­gen, die je nach der Situa­ti­on der Mit­glied­staa­ten unter­schied­lich sein kön­nen. Es ist daher unbe­dingt zu unter­schei­den zwi­schen einer Ungleich­be­hand­lung, die ins­be­son­de­re durch recht­mä­ßi­ge Zie­le im Bereich der Beschäf­ti­gungs­po­li­tik, des Arbeits­mark­tes und der beruf­li­chen Bil­dung gerecht­fer­tigt ist, und einer Dis­kri­mi­nie­rung, die zu ver­bie­ten ist.?

4 Zweck der Richt­li­nie 2000/78 ist nach ihrem Art. 1 die Schaf­fung eines all­ge­mei­nen Rah­mens zur Bekämp­fung der Dis­kri­mi­nie­rung wegen der Reli­gi­on oder der Welt­an­schau­ung, einer Behin­de­rung, des Alters oder der sexu­el­len Aus­rich­tung in Beschäf­ti­gung und Beruf im Hin­blick auf die Ver­wirk­li­chung des Grund­sat­zes der Gleich­be­hand­lung in den Mit­glied­staa­ten.

5 Art. 2 die­ser Richt­li­nie bestimmt:

?(1) Im Sin­ne die­ser Richt­li­nie bedeu­tet ?Gleich­be­hand­lungs­grund­satz? dass es kei­ne unmit­tel­ba­re oder mit­tel­ba­re Dis­kri­mi­nie­rung wegen eines der in Arti­kel 1 genann­ten Grün­de geben darf.

(2) Im Sin­ne des Absat­zes 1

a) liegt eine unmit­tel­ba­re Dis­kri­mi­nie­rung vor, wenn eine Per­son wegen eines der in Arti­kel 1 genann­ten Grün­de in einer ver­gleich­ba­ren Situa­ti­on eine weni­ger güns­ti­ge Behand­lung erfährt, als eine ande­re Per­son erfährt, erfah­ren hat oder erfah­ren wür­de;

??

6 Art. 3 Abs. 1 der Richt­li­nie sieht vor:

?Im Rah­men der auf die Gemein­schaft über­tra­ge­nen Zustän­dig­kei­ten gilt die­se Richt­li­nie für alle Per­so­nen in öffent­li­chen und pri­va­ten Berei­chen, ein­schließ­lich öffent­li­cher Stel­len, in Bezug auf

?

c) die Beschäftigungs‑ und Arbeits­be­din­gun­gen, ein­schließ­lich der Ent­las­sungs­be­din­gun­gen und des Arbeits­ent­gelts;

??

7 Art. 6 Abs. 1 der Richt­li­nie lau­tet:

?Unge­ach­tet des Arti­kels 2 Absatz 2 kön­nen die Mit­glied­staa­ten vor­se­hen, dass Ungleich­be­hand­lun­gen wegen des Alters kei­ne Dis­kri­mi­nie­rung dar­stel­len, sofern sie objek­tiv und ange­mes­sen sind und im Rah­men des natio­na­len Rechts durch ein legi­ti­mes Ziel, wor­un­ter ins­be­son­de­re recht­mä­ßi­ge Zie­le aus den Berei­chen Beschäf­ti­gungs­po­li­tik, Arbeits­markt und beruf­li­che Bil­dung zu ver­ste­hen sind, gerecht­fer­tigt sind und die Mit­tel zur Errei­chung die­ses Ziels ange­mes­sen und erfor­der­lich sind.

Der­ar­ti­ge Ungleich­be­hand­lun­gen kön­nen ins­be­son­de­re Fol­gen­des ein­schlie­ßen:

a) die Fest­le­gung beson­de­rer Bedin­gun­gen für den Zugang zur Beschäf­ti­gung und zur beruf­li­chen Bil­dung sowie beson­de­rer Beschäftigungs‑ und Arbeits­be­din­gun­gen, ein­schließ­lich der Bedin­gun­gen für Ent­las­sung und Ent­loh­nung, um die beruf­li­che Ein­glie­de­rung von Jugend­li­chen, älte­ren Arbeit­neh­mern und Per­so­nen mit Für­sor­ge­pflich­ten zu för­dern oder ihren Schutz sicher­zu­stel­len;

b) die Fest­le­gung von Min­dest­an­for­de­run­gen an das Alter, die Berufs­er­fah­rung oder das Dienst­al­ter für den Zugang zur Beschäf­ti­gung oder für bestimm­te mit der Beschäf­ti­gung ver­bun­de­ne Vor­tei­le;

c) die Fest­set­zung eines Höchst­al­ters für die Ein­stel­lung auf­grund der spe­zi­fi­schen Aus­bil­dungs­an­for­de­run­gen eines bestimm­ten Arbeits­plat­zes oder auf­grund der Not­wen­dig­keit einer ange­mes­se­nen Beschäf­ti­gungs­zeit vor dem Ein­tritt in den Ruhe­stand.?

8 Die Richt­li­nie 2000/78 war nach ihrem Art. 18 Abs. 1 bis spä­tes­tens 2. Dezem­ber 2003 in natio­na­les Recht umzu­set­zen. Aller­dings sieht Art. 18 Abs. 2 vor:

?Um beson­de­ren Bedin­gun­gen Rech­nung zu tra­gen, kön­nen die Mit­glied­staa­ten erfor­der­li­chen­falls eine Zusatz­frist von drei Jah­ren ab dem 2. Dezem­ber 2003, d. h. ins­ge­samt sechs Jah­re, in Anspruch neh­men, um die Bestim­mun­gen die­ser Richt­li­nie über die Dis­kri­mi­nie­rung wegen des Alters und einer Behin­de­rung umzu­set­zen. In die­sem Fall set­zen sie die Kom­mis­si­on unver­züg­lich davon in Kennt­nis. ??

9 Die Bun­des­re­pu­blik Deutsch­land hat von die­ser Mög­lich­keit Gebrauch gemacht, so dass die Vor­schrif­ten über die Dis­kri­mi­nie­rung wegen des Alters und wegen einer Behin­de­rung in die­sem Mit­glied­staat bis spä­tes­tens 2. Dezem­ber 2006 umge­setzt wer­den muss­ten.

Natio­na­les Recht

Das All­ge­mei­ne Gleich­be­hand­lungs­ge­setz

10 Die §§ 1, 2 und 10 des All­ge­mei­nen Gleich­be­hand­lungs­ge­set­zes vom 14. August 2006 (BGBl. I S. 1897, im Fol­gen­den: AGG), mit dem die Richt­li­nie 2000/78 umge­setzt wor­den ist, bestim­men:

§ 1 Ziel des Geset­zes

Ziel des Geset­zes ist, Benach­tei­li­gun­gen aus Grün­den der Ras­se oder wegen der eth­ni­schen Her­kunft, des Geschlechts, der Reli­gi­on oder Welt­an­schau­ung, einer Behin­de­rung, des Alters oder der sexu­el­len Iden­ti­tät zu ver­hin­dern oder zu besei­ti­gen.

§ 2 Anwen­dungs­be­reich

?

(4) Für Kün­di­gun­gen gel­ten aus­schließ­lich die Bestim­mun­gen zum all­ge­mei­nen und beson­de­ren Kün­di­gungs­schutz.

?

§ 10 Zuläs­si­ge unter­schied­li­che Behand­lung wegen des Alters

Unge­ach­tet des § 8 ist eine unter­schied­li­che Behand­lung wegen des Alters auch zuläs­sig, wenn sie objek­tiv und ange­mes­sen und durch ein legi­ti­mes Ziel gerecht­fer­tigt ist. Die Mit­tel zur Errei­chung die­ses Ziels müs­sen ange­mes­sen und erfor­der­lich sein. Der­ar­ti­ge unter­schied­li­che Behand­lun­gen kön­nen ins­be­son­de­re Fol­gen­des ein­schlie­ßen:

1. die Fest­le­gung beson­de­rer Bedin­gun­gen für den Zugang zur Beschäf­ti­gung und zur beruf­li­chen Bil­dung sowie beson­de­rer Beschäftigungs‑ und Arbeits­be­din­gun­gen, ein­schließ­lich der Bedin­gun­gen für Ent­loh­nung und Been­di­gung des Beschäf­ti­gungs­ver­hält­nis­ses, um die beruf­li­che Ein­glie­de­rung von Jugend­li­chen, älte­ren Beschäf­tig­ten und Per­so­nen mit Für­sor­ge­pflich­ten zu för­dern oder ihren Schutz sicher­zu­stel­len;

??

Die Rege­lung über die Kün­di­gungs­frist

11 § 622 des Bür­ger­li­chen Gesetz­buchs (BGB) bestimmt:

?(1) Das Arbeits­ver­hält­nis eines Arbei­ters oder eines Ange­stell­ten (Arbeit­neh­mers) kann mit einer Frist von vier Wochen zum Fünf­zehn­ten oder zum Ende eines Kalen­der­mo­nats gekün­digt wer­den.

(2) Für eine Kün­di­gung durch den Arbeit­ge­ber beträgt die Kün­di­gungs­frist, wenn das Arbeits­ver­hält­nis in dem Betrieb oder Unter­neh­men

1. zwei Jah­re bestan­den hat, einen Monat zum Ende eines Kalen­der­mo­nats,

2. fünf Jah­re bestan­den hat, zwei Mona­te zum Ende eines Kalen­der­mo­nats,

3. acht Jah­re bestan­den hat, drei Mona­te zum Ende eines Kalen­der­mo­nats,

4. zehn Jah­re bestan­den hat, vier Mona­te zum Ende eines Kalen­der­mo­nats,

5. zwölf Jah­re bestan­den hat, fünf Mona­te zum Ende eines Kalen­der­mo­nats,

6. 15 Jah­re bestan­den hat, sechs Mona­te zum Ende eines Kalen­der­mo­nats,

7. 20 Jah­re bestan­den hat, sie­ben Mona­te zum Ende eines Kalen­der­mo­nats.

Bei der Berech­nung der Beschäf­ti­gungs­dau­er wer­den Zei­ten, die vor der Voll­endung des 25. Lebens­jahrs des Arbeit­neh­mers lie­gen, nicht berück­sich­tigt.?

Aus­gangs­ver­fah­ren und Vor­la­ge­fra­gen

12 Frau Kücük­de­veci wur­de am 12. Febru­ar 1978 gebo­ren. Sie war seit dem 4. Juni 1996, somit seit ihrem voll­ende­ten 18. Lebens­jahr, bei Swe­dex beschäf­tigt.

13 Mit Schrei­ben vom 19. Dezem­ber 2006 erklär­te Swe­dex unter Berück­sich­ti­gung der gesetz­li­chen Frist die Kün­di­gung zum 31. Janu­ar 2007. Der Arbeit­ge­ber berech­ne­te die Kün­di­gungs­frist unter Zugrun­de­le­gung einer Beschäf­ti­gungs­dau­er von drei Jah­ren, obwohl die Arbeit­neh­me­rin seit zehn Jah­ren bei ihm beschäf­tigt war.

14 Frau Kücük­de­veci focht die Kün­di­gung vor dem Arbeits­ge­richt Mön­chen­glad­bach an. Sie mach­te gel­tend, dass nach § 622 Abs. 2 Unter­abs. 1 Nr. 4 BGB eine vier­mo­na­ti­ge Kün­di­gungs­frist vom 31. Dezem­ber 2006 bis zum 30. April 2007 hät­te ein­ge­hal­ten wer­den müs­sen. Die­se Frist ent­spre­che einer zehn­jäh­ri­gen Betriebs­zu­ge­hö­rig­keit. In die­sem Rechts­streit ste­hen sich also zwei Pri­va­te gegen­über, näm­lich Frau Kücük­de­veci einer­seits und Swe­dex ande­rer­seits.

15 Nach Auf­fas­sung von Frau Kücük­de­veci stellt § 622 Abs. 2 Unter­abs. 2 BGB, soweit danach vor Voll­endung des 25. Lebens­jahrs lie­gen­de Betriebs­zu­ge­hö­rig­keits­zei­ten bei der Berech­nung der Kün­di­gungs­frist unbe­rück­sich­tigt blie­ben, eine gegen das Uni­ons­recht ver­sto­ßen­de Dis­kri­mi­nie­rung wegen des Alters dar, so dass er unan­ge­wen­det blei­ben müs­se.

16 Das Lan­des­ar­beits­ge­richt Düs­sel­dorf als Beru­fungs­ge­richt hat fest­ge­stellt, dass die Umset­zungs­frist für die Richt­li­nie 2000/78 zum Zeit­punkt der Kün­di­gungs­er­klä­rung bereits abge­lau­fen gewe­sen sei. Es hat wei­ter aus­ge­führt, dass § 622 BGB eine unmit­tel­ba­re Dis­kri­mi­nie­rung wegen des Alters ent­hal­te, von deren Ver­fas­sungs­wid­rig­keit es nicht über­zeugt sei, deren Ver­ein­bar­keit mit dem Uni­ons­recht jedoch zwei­fel­haft sei. Frag­lich sei inso­weit, ob die Fra­ge einer unmit­tel­ba­ren Dis­kri­mi­nie­rung anhand des Pri­mär­rechts der Uni­on, wie das Urteil vom 22. Novem­ber 2005, Man­gold (C‑144/04, Slg. 2005, I‑9981), nahe­zu­le­gen schei­ne, oder aber anhand der Richt­li­nie 2000/78 zu beur­tei­len sei. Da die Vor­schrift ein­deu­tig und einer richt­li­ni­en­kon­for­men Aus­le­gung nicht zugäng­lich sei, stel­le sich die Fra­ge, ob das vor­le­gen­de Gericht, um sie in Rechts­strei­tig­kei­ten zwi­schen Pri­va­ten unan­ge­wen­det las­sen zu kön­nen, zur Sicher­stel­lung des Schut­zes des Ver­trau­ens der Norm­un­ter­wor­fe­nen ver­pflich­tet sei, zuvor den Gerichts­hof um Vor­ab­ent­schei­dung zu ersu­chen, um durch ihn die Unver­ein­bar­keit die­ser Vor­schrift mit dem Uni­ons­recht bestä­ti­gen zu las­sen.

17 Das Lan­des­ar­beits­ge­richt Düs­sel­dorf hat daher beschlos­sen, dem Gerichts­hof fol­gen­de Fra­gen zur Vor­ab­ent­schei­dung vor­zu­le­gen:

1. a) Ver­stößt eine natio­na­le Geset­zes­re­ge­lung, nach der sich die vom Arbeit­ge­ber ein­zu­hal­ten­den Kün­di­gungs­fris­ten mit zuneh­men­der Dau­er der Beschäf­ti­gung stu­fen­wei­se ver­län­gern, jedoch hier­bei vor Voll­endung des 25. Lebens­jahrs lie­gen­de Beschäf­ti­gungs­zei­ten des Arbeit­neh­mers unbe­rück­sich­tigt blei­ben, gegen das gemein­schafts­recht­li­che Ver­bot der Alters­dis­kri­mi­nie­rung, nament­lich gegen Pri­mär­recht der Gemein­schaft oder gegen die Richt­li­nie 2000/78?

b) Kann ein Recht­fer­ti­gungs­grund dafür, dass der Arbeit­ge­ber bei der Kün­di­gung von jün­ge­ren Arbeit­neh­mern nur eine Grund­kün­di­gungs­frist ein­zu­hal­ten hat, dar­in gese­hen wer­den, dass dem Arbeit­ge­ber ein ? durch län­ge­re Kün­di­gungs­fris­ten beein­träch­tig­tes ? betrieb­li­ches Inter­es­se an per­so­nal­wirt­schaft­li­cher Fle­xi­bi­li­tät zuge­stan­den wird und jün­ge­ren Arbeit­neh­mern nicht der (durch län­ge­re Kün­di­gungs­fris­ten den älte­ren Arbeit­neh­mern ver­mit­tel­te) Bestands‑ und Dis­po­si­ti­ons­schutz zuge­stan­den wird, z. B. weil ihnen im Hin­blick auf ihr Alter und/oder gerin­ge­re sozia­le, fami­liä­re und pri­va­te Ver­pflich­tun­gen eine höhe­re beruf­li­che und per­sön­li­che Fle­xi­bi­li­tät und Mobi­li­tät zuge­mu­tet wird?

2. Wenn die Fra­ge zu 1a bejaht und die Fra­ge zu 1b ver­neint wird:

Hat das Gericht eines Mit­glied­staats in einem Rechts­streit unter Pri­va­ten die dem Gemein­schafts­recht expli­zit ent­ge­gen­ste­hen­de Geset­zes­re­ge­lung unan­ge­wen­det zu las­sen, oder ist dem Ver­trau­en, das die Norm­un­ter­wor­fe­nen in die Anwen­dung gel­ten­der inner­staat­li­cher Geset­ze set­zen, dahin gehend Rech­nung zu tra­gen, dass die Unan­wend­bar­keits­fol­ge erst nach Vor­lie­gen einer Ent­schei­dung des Gerichts­hofs über die inkri­mi­nier­te oder eine im Wesent­li­chen ähn­li­che Rege­lung ein­tritt?

Zu den Vor­la­ge­fra­gen

Zur ers­ten Fra­ge

18 Mit sei­ner ers­ten Fra­ge möch­te das vor­le­gen­de Gericht wis­sen, ob eine natio­na­le Rege­lung wie die des Aus­gangs­ver­fah­rens, nach der vor Voll­endung des 25. Lebens­jahrs lie­gen­de Beschäf­ti­gungs­zei­ten des Arbeit­neh­mers bei der Berech­nung der Kün­di­gungs­frist nicht berück­sich­tigt wer­den, eine durch das Uni­ons­recht, ins­be­son­de­re durch das Pri­mär­recht oder die Richt­li­nie 2000/78, ver­bo­te­ne Ungleich­be­hand­lung wegen des Alters dar­stellt. Es möch­te im Ein­zel­nen wis­sen, ob eine sol­che Rege­lung dadurch gerecht­fer­tigt ist, dass bei der Ent­las­sung jün­ge­rer Arbeit­neh­mer nur eine Grund­kün­di­gungs­frist ein­zu­hal­ten ist, um zum einen den Arbeit­ge­bern per­so­nal­wirt­schaft­li­che Fle­xi­bi­li­tät, die mit län­ge­ren Kün­di­gungs­fris­ten nicht mög­lich sein soll, zuzu­ge­ste­hen, und zum ande­ren, weil jün­ge­ren Arbeit­neh­mern eine höhe­re per­sön­li­che und beruf­li­che Mobi­li­tät als ältern Arbeit­neh­mern zuzu­mu­ten sein soll.

19 Um die­se Fra­ge beant­wor­ten zu kön­nen, ist vor­ab, wie auch das vor­le­gen­de Gericht anregt, fest­zu­stel­len, ob sie anhand des Pri­mär­rechts der Uni­on oder anhand der Richt­li­nie 2000/78 zu prü­fen ist.

20 Inso­weit ist dar­auf hin­zu­wei­sen, dass der Rat der Euro­päi­schen Uni­on ? gestützt auf Art. 13 EG ? die Richt­li­nie 2000/78 erlas­sen hat, die, wie der Gerichts­hof ent­schie­den hat, selbst nicht den Grund­satz der Gleich­be­hand­lung in Beschäf­ti­gung und Beruf, der sei­nen Ursprung in ver­schie­de­nen völ­ker­recht­li­chen Ver­trä­gen und den gemein­sa­men Ver­fas­sungs­tra­di­tio­nen der Mit­glied­staa­ten hat, nie­der­legt, son­dern ledig­lich einen all­ge­mei­nen Rah­men zur Bekämp­fung ver­schie­de­ner For­men der Dis­kri­mi­nie­rung in die­sen Berei­chen, u. a. wegen des Alters, schaf­fen soll (vgl. Urteil Man­gold, Randnr. 74).

21 Der Gerichts­hof hat in die­sem Zusam­men­hang aner­kannt, dass ein Ver­bot der Dis­kri­mi­nie­rung wegen des Alters besteht, das als ein all­ge­mei­ner Grund­satz des Uni­ons­rechts anzu­se­hen ist (vgl. Urteil Man­gold, Randnr. 75). Die Richt­li­nie 2000/78 kon­kre­ti­siert die­sen Grund­satz (vgl. ent­spre­chend Urteil vom 8. April 1976, Defren­ne, 43/75, Slg. 1976, 455, Randnr. 54).

22 Zudem ist auf Art. 6 Abs. 1 EUV hin­zu­wei­sen, wonach die Char­ta der Grund­rech­te der Euro­päi­schen Uni­on und die Ver­trä­ge recht­lich gleich­ran­gig sind. Nach Art. 21 Abs. 1 die­ser Char­ta sind ?Dis­kri­mi­nie­run­gen ins­be­son­de­re wegen ? des Alters? ver­bo­ten.

23 Das Ver­bot der Dis­kri­mi­nie­rung wegen des Alters gilt in einem Fall wie dem des Aus­gangs­ver­fah­rens aber nur dann, wenn die­ser in den Anwen­dungs­be­reich des Uni­ons­rechts fällt.

24 Anders als in der Rechts­sa­che, in der das Urteil vom 23. Sep­tem­ber 2008, Bartsch (C‑427/06, Slg. 2008, I‑7245), ergan­gen ist, ist es zu dem auf der frag­li­chen natio­na­len Rege­lung beru­hen­den, ver­meint­lich dis­kri­mi­nie­ren­den Ver­hal­ten im Aus­gangs­ver­fah­ren nach Ablauf der dem betref­fen­den Mit­glied­staat gesetz­ten Frist zur Umset­zung der Richt­li­nie 2000/78, die für die Bun­des­re­pu­blik Deutsch­land am 2. Dezem­ber 2006 ende­te, gekom­men.

25 Zu die­sem Zeit­punkt hat die­se Richt­li­nie bewirkt, dass die im Aus­gangs­ver­fah­ren frag­li­che Rege­lung, die einen von der Richt­li­nie gere­gel­ten Bereich erfasst, näm­lich die Ent­las­sungs­be­din­gun­gen, in den Anwen­dungs­be­reich des Uni­ons­rechts fällt.

26 Eine natio­na­le Bestim­mung wie § 622 Abs. 2 Unter­abs. 2 BGB berührt näm­lich dadurch, dass sie bestimmt, dass die vor Voll­endung des 25. Lebens­jahrs zurück­ge­leg­ten Beschäf­ti­gungs­zei­ten des Arbeit­neh­mers bei der Berech­nung der Kün­di­gungs­frist unbe­rück­sich­tigt blei­ben, die Bedin­gun­gen der Ent­las­sung von Arbeit­neh­mern. Mit einer der­ar­ti­gen Rege­lung wer­den dem­nach Bestim­mun­gen über Ent­las­sungs­be­din­gun­gen auf­ge­stellt.

27 Dar­aus folgt, dass die Fra­ge, ob das Uni­ons­recht einer natio­na­len Rege­lung wie der im Aus­gangs­ver­fah­ren frag­li­chen ent­ge­gen­steht, auf der Grund­la­ge des jede Dis­kri­mi­nie­rung wegen des Alters ver­bie­ten­den all­ge­mei­nen Grund­sat­zes des Uni­ons­rechts, wie er in der Richt­li­nie 2000/78 kon­kre­ti­siert ist, zu prü­fen ist.

28 Was zwei­tens die Fra­ge betrifft, ob die im Aus­gangs­ver­fah­ren in Rede ste­hen­de Rege­lung eine Ungleich­be­hand­lung wegen des Alters ent­hält, so bedeu­tet nach Art. 2 Abs. 1 der Richt­li­nie 2000/78 ?Gleich­be­hand­lungs­grund­satz? im Sin­ne die­ser Richt­li­nie, dass es kei­ne unmit­tel­ba­re oder mit­tel­ba­re Dis­kri­mi­nie­rung wegen eines der in Art. 1 der Richt­li­nie genann­ten Grün­de geben darf. Art. 2 Abs. 2 Buchst. a der Richt­li­nie stellt klar, dass eine unmit­tel­ba­re Dis­kri­mi­nie­rung im Sin­ne des Abs. 1 vor­liegt, wenn eine Per­son wegen eines der in Art. 1 der Richt­li­nie genann­ten Grün­de in einer ver­gleich­ba­ren Situa­ti­on eine weni­ger güns­ti­ge Behand­lung erfährt, als eine ande­re Per­son erfährt, erfah­ren hat oder erfah­ren wür­de (vgl. Urtei­le vom 16. Okto­ber 2007, Pala­ci­os de la Vil­la, C‑411/05, Slg. 2007, I‑8531, Randnr. 50, und vom 5. März 2009, Age Con­cern Eng­land, C‑388/07, noch nicht in der amt­li­chen Samm­lung ver­öf­fent­licht, Randnr. 33).

29 Im vor­lie­gen­den Fall sieht § 622 Abs. 2 Unter­abs. 2 BGB eine weni­ger güns­ti­ge Behand­lung für Arbeit­neh­mer vor, die ihre Beschäf­ti­gung bei dem Arbeit­ge­ber vor Voll­endung des 25. Lebens­jahrs auf­ge­nom­men haben. Die­se natio­na­le Rege­lung behan­delt somit Per­so­nen, die die glei­che Betriebs­zu­ge­hö­rig­keits­dau­er auf­wei­sen, unter­schied­lich, je nach­dem, in wel­chem Alter sie in den Betrieb ein­ge­tre­ten sind.

30 Bei zwei Arbeit­neh­mern, die bei­de 20 Jah­re Betriebs­zu­ge­hö­rig­keit auf­wei­sen, gilt für den einen, der mit 18 Jah­ren in den Betrieb ein­ge­tre­ten ist, eine Kün­di­gungs­frist von fünf Mona­ten, wäh­rend für den ande­ren, der mit 25 Jah­ren ein­ge­tre­ten ist, eine Frist von sie­ben Mona­ten gilt. Dar­über hin­aus benach­tei­ligt die im Aus­gangs­ver­fah­ren frag­li­che natio­na­le Rege­lung, wie der Gene­ral­an­walt in Nr. 36 sei­ner Schluss­an­trä­ge aus­ge­führt hat, gene­rell jun­ge Arbeit­neh­mer gegen­über älte­ren Arbeit­neh­mern, da Ers­te­re, wie der Fall der Klä­ge­rin des Aus­gangs­ver­fah­rens zeigt, trotz einer mehr­jäh­ri­gen Betriebs­zu­ge­hö­rig­keit von der Ver­güns­ti­gung der stu­fen­wei­sen Ver­län­ge­rung der Kün­di­gungs­fris­ten ent­spre­chend der zuneh­men­den Beschäf­ti­gungs­dau­er aus­ge­schlos­sen wer­den kön­nen, wäh­rend sie älte­ren Arbeit­neh­mern mit ver­gleich­ba­rer Beschäf­ti­gungs­dau­er zugu­te­kommt.

31 Die frag­li­che natio­na­le Rege­lung ent­hält folg­lich eine Ungleich­be­hand­lung, die auf dem Kri­te­ri­um des Alters beruht.

32 Drit­tens ist zu prü­fen, ob die­se Ungleich­be­hand­lung eine Dis­kri­mi­nie­rung dar­stel­len kann, die durch das mit der Richt­li­nie 2000/78 kon­kre­ti­sier­te Ver­bot der Dis­kri­mi­nie­rung wegen des Alters unter­sagt ist.

33 Nach Art. 6 Abs. 1 Unter­abs. 1 der Richt­li­nie 2000/78 stellt eine Ungleich­be­hand­lung wegen des Alters kei­ne Dis­kri­mi­nie­rung dar, sofern sie objek­tiv und ange­mes­sen ist und im Rah­men des natio­na­len Rechts durch ein legi­ti­mes Ziel, wor­un­ter ins­be­son­de­re recht­mä­ßi­ge Zie­le aus den Berei­chen Beschäf­ti­gungs­po­li­tik, Arbeits­markt und beruf­li­che Bil­dung zu ver­ste­hen sind, gerecht­fer­tigt ist und die Mit­tel zur Errei­chung die­ses Ziels ange­mes­sen und erfor­der­lich sind.

34 Nach den Anga­ben des vor­le­gen­den Gerichts und den Erläu­te­run­gen der deut­schen Regie­rung in der münd­li­chen Ver­hand­lung geht § 622 BGB auf ein Gesetz von 1926 zurück. Die Fest­le­gung der Schwel­le von 25 Jah­ren in die­sem Gesetz sei das Ergeb­nis eines Kom­pro­mis­ses zwi­schen der dama­li­gen Regie­rung, die eine ein­heit­li­che Ver­län­ge­rung der Kün­di­gungs­frist für Arbeit­neh­mer über 40 Jah­ren um drei Mona­te gewünscht habe, den Befür­wor­tern einer stu­fen­wei­sen Ver­län­ge­rung die­ser Frist für alle Arbeit­neh­mer und den Befür­wor­tern einer stu­fen­wei­sen Ver­län­ge­rung der Kün­di­gungs­frist ohne Berück­sich­ti­gung der Beschäf­ti­gungs­dau­er; Ziel die­ser Regel sei es, die Arbeit­ge­ber von den Belas­tun­gen durch die län­ge­ren Kün­di­gungs­fris­ten teil­wei­se frei­zu­stel­len, näm­lich bei Arbeit­neh­mern unter 25 Jah­ren.

35 Dem vor­le­gen­den Gericht zufol­ge spie­gelt § 622 Abs. 2 Unter­abs. 2 BGB die Ein­schät­zung des Gesetz­ge­bers wider, dass es jün­ge­ren Arbeit­neh­mern regel­mä­ßig leich­ter fal­le und schnel­ler gelin­ge, auf den Ver­lust ihres Arbeits­plat­zes zu reagie­ren, und dass ihnen grö­ße­re Fle­xi­bi­li­tät zuge­mu­tet wer­den kön­ne. Schließ­lich erleich­ter­ten kür­ze­re Kün­di­gungs­fris­ten für jün­ge­re Arbeit­neh­mer deren Ein­stel­lung, indem sie die per­so­nal­wirt­schaft­li­che Fle­xi­bi­li­tät erhöh­ten.

36 Zie­le wie die von der deut­schen Regie­rung und dem vor­le­gen­den Gericht genann­ten gehö­ren zur Beschäf­ti­gungs- und Arbeits­markt­po­li­tik im Sin­ne des Art. 6 Abs. 1 der Richt­li­nie 2000/78.

37 Nach die­ser Bestim­mung ist aber wei­ter zu prü­fen, ob die zur Errei­chung eines sol­chen legi­ti­men Ziels ein­ge­setz­ten Mit­tel ?ange­mes­sen und erfor­der­lich? sind.

38 Inso­weit ist dar­auf hin­zu­wei­sen, dass die Mit­glied­staa­ten über einen wei­ten Ermes­sens­spiel­raum bei der Wahl der Maß­nah­men zur Errei­chung ihrer Zie­le im Bereich der Arbeits- und Sozi­al­po­li­tik ver­fü­gen (vgl. Urtei­le Man­gold, Randnr. 63, und Pala­ci­os de la Vil­la, Randnr. 68).

39 Das vor­le­gen­de Gericht führt aus, dass das Ziel der im Aus­gangs­ver­fah­ren frag­li­chen natio­na­len Rege­lung dar­in bestehe, dem Arbeit­ge­ber eine grö­ße­re per­so­nal­wirt­schaft­li­che Fle­xi­bi­li­tät zu ver­schaf­fen, indem sei­ne Belas­tung im Zusam­men­hang mit der Ent­las­sung jün­ge­rer Arbeit­neh­mer ver­rin­gert wer­de, denen eine grö­ße­re beruf­li­che und per­sön­li­che Mobi­li­tät zuge­mu­tet wer­den kön­ne.

40 Die­se Rege­lung ist jedoch kei­ne im Hin­blick auf die Errei­chung die­ses Ziels ange­mes­se­ne Maß­nah­me, weil sie für alle Arbeit­neh­mer, die vor Voll­endung des 25. Lebens­jahrs in den Betrieb ein­ge­tre­ten sind, unab­hän­gig davon gilt, wie alt sie zum Zeit­punkt ihrer Ent­las­sung sind.

41 Was das vom Gesetz­ge­ber mit dem Erlass der im Aus­gangs­ver­fah­ren frag­li­chen natio­na­len Rege­lung ver­folg­te und von der deut­schen Regie­rung ange­führ­te Ziel betrifft, den Schutz der Arbeit­neh­mer ent­spre­chend der Dau­er der Betriebs­zu­ge­hö­rig­keit zu ver­stär­ken, so ver­zö­gert sich die Ver­län­ge­rung der Kün­di­gungs­frist ent­spre­chend der Beschäf­ti­gungs­dau­er des Arbeit­neh­mers nach die­ser Rege­lung für einen Arbeit­neh­mer, der vor Voll­endung des 25. Lebens­jahrs in den Betrieb ein­ge­tre­ten ist, selbst wenn der Betrof­fe­ne bei sei­ner Ent­las­sung eine lan­ge Betriebs­zu­ge­hö­rig­keit auf­weist. Die­se Rege­lung kann daher nicht als zur Errei­chung des behaup­te­ten Ziels geeig­net ange­se­hen wer­den.

42 Fer­ner berührt die im Aus­gangs­ver­fah­ren frag­li­che natio­na­le Rege­lung, wie das vor­le­gen­de Gericht aus­führt, jun­ge Arbeit­neh­mer ungleich, weil sie die­je­ni­gen jun­gen Men­schen trifft, die ohne oder nach nur kur­zer Berufs­aus­bil­dung früh eine Arbeits­tä­tig­keit auf­neh­men, nicht aber die, die nach lan­ger Aus­bil­dung spä­ter in den Beruf ein­tre­ten.

43 Nach alle­dem ist auf die ers­te Fra­ge zu ant­wor­ten, dass das Uni­ons­recht, ins­be­son­de­re das Ver­bot der Dis­kri­mi­nie­rung wegen des Alters in sei­ner Kon­kre­ti­sie­rung durch die Richt­li­nie 2000/78, dahin aus­zu­le­gen ist, dass es einer Rege­lung wie der im Aus­gangs­ver­fah­ren frag­li­chen ent­ge­gen­steht, nach der vor Voll­endung des 25. Lebens­jahrs lie­gen­de Beschäf­ti­gungs­zei­ten des Arbeit­neh­mers bei der Berech­nung der Kün­di­gungs­frist nicht berück­sich­tigt wer­den.

Zur zwei­ten Fra­ge

44 Mit sei­ner zwei­ten Fra­ge möch­te das vor­le­gen­de Gericht wis­sen, ob es in einem Rechts­streit zwi­schen Pri­va­ten, um eine natio­na­le Rege­lung, die es für mit dem Uni­ons­recht unver­ein­bar hält, unan­ge­wen­det las­sen zu kön­nen, zuvor zur Sicher­stel­lung des Schut­zes des berech­tig­ten Ver­trau­ens der Norm­un­ter­wor­fe­nen den Gerichts­hof nach Art. 267 AEUV anru­fen muss, um durch ihn die Unver­ein­bar­keit die­ser Vor­schrift mit dem Uni­ons­recht bestä­ti­gen zu las­sen.

45 Was ers­tens die Rol­le des natio­na­len Gerichts betrifft, das über einen Rechts­streit zwi­schen Pri­va­ten zu ent­schei­den hat, in dem sich zeigt, dass die frag­li­che natio­na­le Rege­lung gegen das Uni­ons­recht ver­stößt, hat der Gerichts­hof ent­schie­den, dass es den natio­na­len Gerich­ten obliegt, den Rechts­schutz sicher­zu­stel­len, der sich für den Ein­zel­nen aus den uni­ons­recht­li­chen Bestim­mun­gen ergibt, und deren vol­le Wir­kung zu gewähr­leis­ten (vgl. in die­sem Sin­ne Urtei­le vom 5. Okto­ber 2004, Pfeif­fer u. a., C‑397/01 bis C‑403/01, Slg. 2004, I‑8835, Randnr. 111, und vom 15. April 2008, Impact, C‑268/06, Slg. 2008, I‑2483, Randnr. 42).

46 Zu Rechts­strei­tig­kei­ten zwi­schen Pri­va­ten hat der Gerichts­hof in stän­di­ger Recht­spre­chung ent­schie­den, dass eine Richt­li­nie nicht selbst Ver­pflich­tun­gen für einen Ein­zel­nen begrün­den kann, so dass ihm gegen­über eine Beru­fung auf die Richt­li­nie als sol­che nicht mög­lich ist (vgl. ins­be­son­de­re Urtei­le vom 26. Febru­ar 1986, Mar­shall, 152/84, Slg. 1986, 723, Randnr. 48, vom 14. Juli 1994, Fac­ci­ni Dori, C‑91/92, Slg. 1994, I‑3325, Randnr. 20, sowie Pfeif­fer u. a., Randnr. 108).

47 Jedoch oblie­gen die sich aus einer Richt­li­nie erge­ben­de Ver­pflich­tung der Mit­glied­staa­ten, das in die­ser Richt­li­nie vor­ge­se­he­ne Ziel zu errei­chen, und deren Pflicht, alle zur Erfül­lung die­ser Ver­pflich­tung geeig­ne­ten Maß­nah­men all­ge­mei­ner oder beson­de­rer Art zu tref­fen, allen Trä­gern öffent­li­cher Gewalt der Mit­glied­staa­ten und damit im Rah­men ihrer Zustän­dig­kei­ten auch den Gerich­ten (vgl. in die­sem Sin­ne u. a. Urtei­le vom 10. April 1984, von Col­son und Kamann, 14/83, Slg. 1984, 1891, Randnr. 26, vom 13. Novem­ber 1990, Mar­lea­sing, C‑106/89, Slg. 1990, I‑4135, Randnr. 8, Fac­ci­ni Dori, Randnr. 26, vom 18. Dezem­ber 1997, Inter-Envi­ron­ne­ment Wal­lo­nie, C‑129/96, Slg. 1997, I‑7411, Randnr. 40, Pfeif­fer u. a., Randnr. 110, sowie vom 23. April 2009, Angel­i­da­ki u. a., C‑378/07 bis C‑380/07, noch nicht in der amt­li­chen Samm­lung ver­öf­fent­licht, Randnr. 106).

48 Folg­lich muss ein natio­na­les Gericht, das bei der Anwen­dung des natio­na­len Rechts die­ses Recht aus­zu­le­gen hat, sei­ne Aus­le­gung so weit wie mög­lich am Wort­laut und Zweck die­ser Richt­li­nie aus­rich­ten, um das in ihr fest­ge­leg­te Ergeb­nis zu errei­chen und so Art. 288 Abs. 3 AEUV nach­zu­kom­men (vgl. in die­sem Sin­ne Urtei­le von Col­son und Kamann, Randnr. 26; Mar­lea­sing, Randnr. 8, Fac­ci­ni Dori, Randnr. 26, und Pfeif­fer u. a., Randnr. 113). Das Gebot einer uni­ons­rechts­kon­for­men Aus­le­gung des natio­na­len Rechts ist dem Sys­tem des Ver­trags imma­nent, da dem natio­na­len Gericht dadurch ermög­licht wird, im Rah­men sei­ner Zustän­dig­keit die vol­le Wirk­sam­keit des Uni­ons­rechts sicher­zu­stel­len, wenn es über den bei ihm anhän­gi­gen Rechts­streit ent­schei­det (vgl. in die­sem Sin­ne Urteil Pfeif­fer u. a., Randnr. 114).

49 Dem vor­le­gen­den Gericht zufol­ge ist § 622 Abs. 2 Unter­abs. 2 BGB jedoch wegen sei­ner Klar­heit und Ein­deu­tig­keit einer der Richt­li­nie 2000/78 kon­for­men Aus­le­gung nicht zugäng­lich.

50 Inso­weit ist zum einen zu beach­ten, dass der Grund­satz der Gleich­be­hand­lung in Beschäf­ti­gung und Beruf, wie in Randnr. 20 des vor­lie­gen­den Urteils aus­ge­führt, in der Richt­li­nie 2000/78 nicht ver­an­kert ist, son­dern dort nur kon­kre­ti­siert wird, und zum ande­ren, dass das Ver­bot der Dis­kri­mi­nie­rung wegen des Alters ein all­ge­mei­ner Grund­satz des Uni­ons­rechts ist, da er eine spe­zi­fi­sche Anwen­dung des all­ge­mei­nen Gleich­be­hand­lungs­grund­sat­zes dar­stellt (vgl. in die­sem Sin­ne Urteil Man­gold, Randnrn. 74 bis 76).

51 Es obliegt daher dem natio­na­len Gericht, bei dem ein Rechts­streit über das Ver­bot der Dis­kri­mi­nie­rung wegen des Alters in sei­ner Kon­kre­ti­sie­rung durch die Richt­li­nie 2000/78 anhän­gig ist, im Rah­men sei­ner Zustän­dig­kei­ten den recht­li­chen Schutz, der sich für den Ein­zel­nen aus dem Uni­ons­recht ergibt, sicher­zu­stel­len und die vol­le Wirk­sam­keit des Uni­ons­rechts zu gewähr­leis­ten, indem es erfor­der­li­chen­falls jede die­sem Ver­bot ent­ge­gen­ste­hen­de Bestim­mung des natio­na­len Rechts unan­ge­wen­det lässt (vgl. in die­sem Sin­ne Urteil Man­gold, Randnr. 77).

52 Was zwei­tens die Fra­ge der Ver­pflich­tung des natio­na­len Gerichts angeht, in einem Rechts­streit zwi­schen Pri­va­ten den Gerichts­hof um Vor­ab­ent­schei­dung über die Aus­le­gung des Uni­ons­rechts zu ersu­chen, bevor es eine natio­na­le Vor­schrift, die es für uni­ons­rechts­wid­rig hält, unan­ge­wen­det las­sen kann, so ergibt sich aus der Vor­la­ge­ent­schei­dung, dass die­ser Aspekt der Fra­ge dar­in begrün­det liegt, dass das vor­le­gen­de Gericht nach natio­na­lem Recht eine gel­ten­de Bestim­mung die­ses Rechts nur dann unan­ge­wen­det las­sen darf, wenn die­se Bestim­mung zuvor vom Bun­des­ver­fas­sungs­ge­richt für ver­fas­sungs­wid­rig erklärt wur­de.

53 Die Not­wen­dig­keit, die vol­le Wirk­sam­keit des Ver­bots der Dis­kri­mi­nie­rung wegen des Alters in sei­ner Kon­kre­ti­sie­rung durch die Richt­li­nie 2000/78 zu gewähr­leis­ten, bedeu­tet, dass das natio­na­le Gericht eine in den Anwen­dungs­be­reich des Uni­ons­rechts fal­len­de natio­na­le Bestim­mung, die es für mit die­sem Ver­bot unver­ein­bar hält und die einer uni­ons­rechts­kon­for­men Aus­le­gung nicht zugäng­lich ist, unan­ge­wen­det las­sen muss, ohne dass es ver­pflich­tet oder gehin­dert wäre, zuvor den Gerichts­hof um Vor­ab­ent­schei­dung zu ersu­chen.

54 Die dem natio­na­len Gericht mit Art. 267 Abs. 2 AEUV ein­ge­räum­te Mög­lich­keit, den Gerichts­hof im Wege der Vor­ab­ent­schei­dung um Aus­le­gung zu ersu­chen, bevor es die uni­ons­rechts­wid­ri­ge natio­na­le Bestim­mung unan­ge­wen­det lässt, kann sich jedoch nicht des­halb in eine Ver­pflich­tung ver­keh­ren, weil das natio­na­le Recht es die­sem Gericht nicht erlaubt, eine natio­na­le Bestim­mung, die es für ver­fas­sungs­wid­rig hält, unan­ge­wen­det zu las­sen, wenn sie nicht zuvor vom Bun­des­ver­fas­sungs­ge­richt für ver­fas­sungs­wid­rig erklärt wor­den ist. Denn nach dem Grund­satz des Vor­rangs des Uni­ons­rechts, der auch dem Ver­bot der Dis­kri­mi­nie­rung wegen des Alters zukommt, ist eine uni­ons­rechts­wid­ri­ge natio­na­le Rege­lung, die in den Anwen­dungs­be­reich des Uni­ons­rechts fällt, unan­ge­wen­det zu las­sen (vgl. in die­sem Sin­ne Urteil Man­gold, Randnr. 77).

55 Dar­aus folgt, dass das natio­na­le Gericht in einem Rechts­streit zwi­schen Pri­va­ten nicht ver­pflich­tet, aber berech­tigt ist, den Gerichts­hof um eine Vor­ab­ent­schei­dung über die Aus­le­gung des Ver­bots der Dis­kri­mi­nie­rung wegen des Alters in sei­ner Kon­kre­ti­sie­rung durch die Richt­li­nie 2000/78 zu ersu­chen, bevor es eine Bestim­mung des natio­na­len Rechts, die es für mit die­sem Ver­bot unver­ein­bar hält, unan­ge­wen­det lässt. Der fakul­ta­ti­ve Cha­rak­ter die­ser Anru­fung des Gerichts­hofs ist unab­hän­gig davon, unter wel­chen Bedin­gun­gen das natio­na­le Gericht nach inner­staat­li­chem Recht eine natio­na­le Bestim­mung, die es für ver­fas­sungs­wid­rig hält, unan­ge­wen­det las­sen kann.

56 Nach alle­dem ist auf die zwei­te Fra­ge zu ant­wor­ten, dass es dem natio­na­len Gericht obliegt, in einem Rechts­streit zwi­schen Pri­va­ten die Beach­tung des Ver­bots der Dis­kri­mi­nie­rung wegen des Alters in sei­ner Kon­kre­ti­sie­rung durch die Richt­li­nie 2000/78 zu gewähr­leis­ten, indem es erfor­der­li­chen­falls ent­ge­gen­ste­hen­de Vor­schrif­ten des inner­staat­li­chen Rechts unan­ge­wen­det lässt, unab­hän­gig davon, ob es von sei­ner Befug­nis Gebrauch macht, in den Fäl­len des Art. 267 Abs. 2 AEUV den Gerichts­hof um eine Vor­ab­ent­schei­dung über die Aus­le­gung die­ses Ver­bots zu ersu­chen.

Kos­ten

57 Für die Par­tei­en des Aus­gangs­ver­fah­rens ist das Ver­fah­ren ein Zwi­schen­streit in dem bei dem vor­le­gen­den Gericht anhän­gi­gen Rechts­streit; die Kos­ten­ent­schei­dung ist daher Sache die­ses Gerichts. Die Aus­la­gen ande­rer Betei­lig­ter für die Abga­be von Erklä­run­gen vor dem Gerichts­hof sind nicht erstat­tungs­fä­hig.

Aus die­sen Grün­den hat der Gerichts­hof (Gro­ße Kam­mer) für Recht erkannt:

1. Das Uni­ons­recht, ins­be­son­de­re das Ver­bot der Dis­kri­mi­nie­rung wegen des Alters in sei­ner Kon­kre­ti­sie­rung durch die Richt­li­nie 2000/78/EG des Rates vom 27. Novem­ber 2000 zur Fest­le­gung eines all­ge­mei­nen Rah­mens für die Ver­wirk­li­chung der Gleich­be­hand­lung in Beschäf­ti­gung und Beruf, ist dahin aus­zu­le­gen, dass es einer Rege­lung wie der im Aus­gangs­ver­fah­ren frag­li­chen ent­ge­gen­steht, nach der vor Voll­endung des 25. Lebens­jahrs lie­gen­de Beschäf­ti­gungs­zei­ten des Arbeit­neh­mers bei der Berech­nung der Kün­di­gungs­frist nicht berück­sich­tigt wer­den.

2. Es obliegt dem natio­na­len Gericht, in einem Rechts­streit zwi­schen Pri­va­ten die Beach­tung des Ver­bots der Dis­kri­mi­nie­rung wegen des Alters in sei­ner Kon­kre­ti­sie­rung durch die Richt­li­nie 2000/78 sicher­zu­stel­len, indem es erfor­der­li­chen­falls ent­ge­gen­ste­hen­de Vor­schrif­ten des inner­staat­li­chen Rechts unan­ge­wen­det lässt, unab­hän­gig davon, ob es von sei­ner Befug­nis Gebrauch macht, in den Fäl­len des Art. 267 Abs. 2 AEUV den Gerichts­hof der Euro­päi­schen Uni­on im Wege der Vor­ab­ent­schei­dung um Aus­le­gung die­ses Ver­bots zu ersu­chen.

Unter­schrif­ten

 
 
 
 

?Ver­bot der Dis­kri­mi­nie­rung wegen des Alters ? Richt­li­nie 2000/78/EG ? Natio­na­le Kün­di­gungs­schutz­re­ge­lung, nach der vor Voll­endung des 25. Lebens­jahrs lie­gen­de Beschäf­ti­gungs­zei­ten des Arbeit­neh­mers bei der Berech­nung der Kün­di­gungs­frist nicht berück­sicht