(Stutt­gart)  Das Hes­si­sche Lan­des­ar­beits­ge­richt hat ent­schie­den, dass ein Chef­arzt frist­los gekün­digt wer­den kann, wenn sich her­aus­stellt, dass die bei sei­ner Ein­stel­lung abge­ge­be­ne Erklä­rung zu feh­len­den Vor­stra­fen und lau­fen­den Ermitt­lungs­ver­fah­ren falsch war.

Dar­auf ver­weist der Stutt­gar­ter Fach­an­walt für Arbeits­recht Micha­el Henn, Prä­si­dent des VDAA — Ver­band deut­scher Arbeits­rechts­An­wäl­te e. V. mit Sitz in Stutt­gart, unter Hin­weis auf die Mit­tei­lung des Hes­si­schen Lan­des­ar­beits­ge­richts (LAG) vom 21.06.2012 zu sei­nem Urteil vom 5.12.2011, Az. 7 Sa 524/11.

Der 52-jäh­ri­ge Klä­ger des Rechts­streits ist habi­li­tier­ter Fach­arzt für Gynä­ko­lo­gie und Geburts­hil­fe. Er wur­de zum 1. Novem­ber 2009 mit einem garan­tier­ten Jah­res­ein­kom­men von 220.000 € brut­to als Chef­arzt zur Lei­tung der Abtei­lung Gynä­ko­lo­gie und Geburts­hil­fe in einer Kli­nik im Raum Darm­stadt ein­ge­stellt. Vor der Ein­stel­lung unter­zeich­ne­te der Klä­ger fol­gen­de Erklä­rung:

Ich erklä­re, dass ich über die vor­ste­hen­den Anga­ben hin­aus nicht gericht­lich bestraft oder dis­zi­pli­na­risch belangt wor­den bin. Außer­dem erklä­re ich, dass gegen mich kein (wei­te­res) Straf­ver­fah­ren, Ermitt­lungs­ver­fah­ren der Staats­an­walt­schaft oder Dis­zi­pli­nar­ver­fah­ren anhän­gig ist. Ich ver­pflich­te mich, von jedem gegen mich ein­ge­lei­te­ten Straf- oder Ermitt­lungs­ver­fah­ren und jeder gericht­li­chen Ver­ur­tei­lung Mit­tei­lung zu machen.”

Gegen den Klä­ger war jedoch schon 2002, als er in einer Kli­nik in Nie­der­sach­sen tätig war, eine Straf­an­zei­ge wegen fahr­läs­si­ger Tötung eines Neu­ge­bo­re­nen erho­ben wor­den. Dem Klä­ger war vor­ge­wor­fen wor­den, einen Kai­ser­schnitt zu spät ein­ge­lei­tet zu haben. Auf die Straf­an­zei­ge wur­de im Okto­ber 2006 Ankla­ge erho­ben. Das Amts­ge­richt setz­te das Straf­ver­fah­ren wegen des par­al­lel betrie­be­nen Schmer­zens­geld­pro­zes­ses aus. Nach­dem der Klä­ger von den Zivil­ge­rich­ten zu 15.000 € Schmer­zens­geld ver­ur­teilt wor­den war, nahm das Amts­ge­richt das Straf­ver­fah­ren wie­der auf und ver­ur­teil­te den Klä­ger im August 2010 wegen fahr­läs­si­ger Tötung zu einer Geld­stra­fe von 13.500 €.

Die Arbeit­ge­be­rin des Klä­gers erfuhr davon Ende  August 2010 aus der Pres­se und sus­pen­dier­te den Klä­ger mit sofor­ti­ger Wir­kung vom Dienst. Anfang Sep­tem­ber 2010 kün­dig­te sie das Arbeits­ver­hält­nis mit dem Klä­ger frist­los.

Das Arbeits­ge­richt hat­te der Kün­di­gungs­schutz­kla­ge statt­ge­ge­ben. Die dage­gen gerich­te­te Beru­fung der Arbeit­ge­be­rin war erfolg­reich, so Henn.

Das Hes­si­sche Lan­des­ar­beits­ge­richt bestä­tig­te die Wirk­sam­keit der frist­lo­sen Kün­di­gung. Der Klä­ger habe es trotz aus­drück­li­cher und ein­deu­ti­ger Ver­pflich­tung unter­las­sen, die Arbeit­ge­be­rin über das gegen ihn anhän­gi­ge Straf­ver­fah­ren wegen fahr­läs­si­ger Tötung in Kennt­nis zu set­zen. Der Klä­ger habe erken­nen müs­sen, welch hohen Stel­len­wert die Arbeit­ge­be­rin dem guten Leu­mund ihrer Beschäf­tig­ten — zumal in lei­ten­der Stel­lung — bei­misst. Den Ein­wen­dun­gen des Klä­gers, es habe sich um eine “alte Ange­le­gen­heit” gehan­delt, konn­te das Hes­si­sche Lan­des­ar­beits­ge­richt nicht fol­gen. Die Posi­ti­on eines Chef­arz­tes habe eine her­aus­ra­gen­de Bedeu­tung für die Ent­wick­lung und den Ruf der Kli­ni­ken. Des­halb habe die Arbeit­ge­be­rin ein Inter­es­se dar­an, sich sofort von einem Mit­ar­bei­ter in die­ser Posi­ti­on  zu tren­nen, wenn sich her­aus­stellt, dass die­ser nicht nur wegen eines in ähn­li­cher Funk­ti­on began­ge­nen Tötungs­de­likts ver­ur­teilt wur­de, son­dern es trotz aus­drück­lich über­nom­me­ne Ver­pflich­tung unter­las­sen hat, ihr von dem Straf­ver­fah­ren Mit­tei­lung zu machen. Dass das dadurch zer­stör­te und für die Fort­set­zung des Arbeits­ver­hält­nis­ses unab­ding­ba­re Ver­trau­ens­ver­hält­nis wie­der her­ge­stellt wer­den könn­te, sei nicht zu erwar­ten.

Henn emp­fahl, die Ent­schei­dung zu beach­ten und in Zwei­fels­fäl­len recht­li­chen Rat ein­zu­ho­len, wobei er u. a. dazu auch auf den VDAA Ver­band deut­scher Arbeits­rechts­An­wäl­te e. V. – www.vdaa.de – ver­wies.

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