(Stutt­gart) Nach einer Ent­schei­dung des Hes­si­schen Lan­des­ar­beits­ge­richts ist eine tarif­li­che Rege­lung, in der die Grund­ver­gü­tung der Höhe nach nach Lebens­al­ters­stu­fen gestaf­felt wird, wegen unmit­tel­ba­rer Benach­tei­li­gung wegen des Alters i.S.d. §§ 1, 3 AGG unwirk­sam. Die hier­durch ein­tre­ten­de unmit­tel­ba­re Benach­tei­li­gung ist nicht im Sin­ne des AGG gerecht­fer­tigt.

Fol­ge die­ses Ver­sto­ßes gegen das Benach­tei­li­gungs­ver­bot wegen des Alters ist, so der Frank­fur­ter Fach­an­walt für Arbeits­recht Dr. Nor­bert Pflü­ger, Vize­prä­si­dent des VdAA — Ver­band deut­scher Arbeits­rechts­An­wäl­te e. V. mit Sitz in Stutt­gart unter Hin­weis auf das am 29.06.2009 ver­öf­fent­lich­te Urteil des Hes­si­schen Lan­des­ar­beits­ge­richts vom 22.04.2009, Az.: 2 Ca 183/08, dass die leis­tungs­ge­wäh­ren­den, nicht benach­tei­li­gen­den Tarif­ver­trags­be­stim­mun­gen auf die­je­ni­gen Per­so­nen zu erstre­cken sind, die ent­ge­gen den Benach­tei­li­gungs­ver­bo­ten von den tarif­li­chen Leis­tun­gen aus­ge­schlos­sen wur­den. Der Arbeit­ge­ber kön­ne sich im Hin­blick auf den Ver­stoß gegen das gesetz­li­che Dis­kri­mi­nie­rungs­ver­bot nicht auf Ver­trau­ens­schutz­ge­sichts­punk­te beru­fen.

Hin­ter­grund des Rechts­streits war das Ver­lan­gen eines 31 Jah­re alten Ange­stell­ten des öffent­li­chen Diens­tes auf Erhalt der Ver­gü­tung nach der höchs­ten Lebens­al­ters­stu­fe der die Ver­gü­tung regeln­den Tarif­vor­schrif­ten. Nach den auf das Arbeits­ver­hält­nis anzu­wen­den­den Tarif­vor­schrif­ten war die Grund­ver­gü­tung der Höhe nach abhän­gig von dem Lebens­al­ter nach einer im Tarif­ver­trag auf­ge­führ­ten Staf­fe­lung zu zah­len. Fol­ge war, dass jün­ge­re Mit­ar­bei­ter bei glei­cher Tätig­keit eine nied­ri­ge­re Grund­ver­gü­tung erhiel­ten als älte­re Beschäf­tig­te. Das Arbeits­ge­richt hat die Kla­ge abge­wie­sen.

Die gegen die­ses Urteil gerich­te­te Beru­fung des Arbeit­neh­mers hat­te Erfolg, betont Pflü­ger.  Nach Auf­fas­sung des Beru­fungs­ge­richts ist die nach Lebens­al­ters­stu­fen gestaf­fel­te Rege­lung wegen unmit­tel­ba­rer Benach­tei­li­gung wegen des Alters, die nicht sach­lich gerecht­fer­tigt ist, unwirk­sam.

Das AGG ver­bie­te eine unmit­tel­ba­re Benach­tei­li­gung wegen des Alters. Die­ses Ver­bot schüt­ze auch jün­ge­re Arbeit­neh­mer gegen Benach­tei­li­gun­gen im Ver­hält­nis zu älte­ren Beschäf­tig­ten. Die weni­ger güns­ti­ge Behand­lung kön­ne grund­sätz­lich auch in der Ein­räu­mung einer ungüns­ti­ge­ren Ver­trags­be­din­gung lie­gen.

Die in § 27 A BAT ent­hal­ten­de Rege­lung stel­le eine unmit­tel­ba­re Benach­tei­li­gung jün­ge­rer Arbeit­neh­mer wegen ihres Alters dar, weil die Grund­ver­gü­tung der jewei­li­gen Ver­gü­tungs­grup­pen an das tat­säch­li­che Lebens­al­ter des Beschäf­tig­ten anknüpft. Damit ste­he bei glei­cher Tätig­keit dem lebens­äl­te­ren Arbeit­neh­mer ledig­lich wegen sei­nes höhe­ren Lebens­al­ters eine höhe­re Grund­ver­gü­tung zu als dem jün­ge­ren Beschäf­tig­ten.

Die hier­in lie­gen­de Benach­tei­li­gung wegen sei­nes Alters sei auch nicht auf­grund gesetz­lich vor­ge­se­he­ner Aus­nah­men zuläs­sig. Nach herr­schen­der Mei­nung — der sich das Beru­fungs­ge­richt anschloss — sei­en Ver­gü­tungs­sys­te­me, die die Höhe der Ver­gü­tung nach dem Lebens­al­ter staf­feln, grund­sätz­lich unwirk­sam. Die maß­geb­li­chen Tarif­re­ge­lun­gen sei­en auch nicht durch ein legi­ti­mes Ziel gerecht­fer­tigt, da das Lebens­al­ter hier­für kein akzep­ta­bler Anknüp­fungs­punkt sei.

Auf Grund die­ser unge­recht­fer­tig­ten Benach­tei­li­gung kön­ne der Klä­ger die gel­tend gemach­te Ver­gü­tung nach der höchs­ten Alters­stu­fe für die Ver­trags­dau­er des bereits been­de­ten Arbeits­ver­hält­nis­ses ver­lan­gen. Zwar fin­de sich im AGG kei­ne aus­drück­li­che Fest­le­gung, was inhalt­lich anstel­le der für unwirk­sam erklär­ten benach­tei­li­gen­den Regel tre­ten sol­le. Aller­dings kom­me nur eine Anpas­sung „nach oben” in Betracht, um den Nach­teil durch die dis­kri­mi­nie­ren­de Aus­ge­stal­tung der Alters­stu­fen­re­ge­lun­gen aus­zu­schlie­ßen.

Nur durch die­se Anglei­chung „nach oben” kön­ne die Gleich­be­hand­lung des Klä­gers bezo­gen auf die geschul­de­te Grund­ver­gü­tung mit lebens­äl­te­ren Beschäf­tig­ten her­ge­stellt wer­den. Es kom­me nicht dar­auf an, dass mög­li­cher Wei­se im Ein­zel­fall eine rela­ti­ve Bevor­zu­gung bei gleich­zei­tig ein­her­ge­hen­der Benach­tei­li­gung gege­ben sei, wenn ein Arbeit­neh­mer nicht in der nied­rigs­ten, aber auch nicht in der höchs­ten Lebens­al­ters­stu­fe ein­zu­ord­nen sei. Hier­durch zei­ge sich nur, dass auch mit einer ver­mit­teln­den Anglei­chung die tat­säch­lich ein­ge­tre­te­ne Benach­tei­li­gung nicht besei­tigt, son­dern wie­der­um nur abge­mil­dert wer­den könn­te. Eine Anpas­sung „nach unten” als Ersatz­re­ge­lung schei­de eben­falls aus. Sie wür­de allen­falls zu einer recht­li­chen, nicht aber zu einer tat­säch­li­chen Gleich­be­hand­lung füh­ren. Das Beru­fungs­ge­richt sah auch kei­ne Mög­lich­keit, die Anpas­sung für die Ver­gan­gen­heit den Tarif­ver­trags­par­tei­en zu über­las­sen.

Der gel­tend gemach­te Anspruch schei­te­re auch nicht an Ver­trau­ens­schutz­as­pek­ten. Die Benach­tei­li­gungs­ver­bo­te des AGG wür­den ohne Über­gangs­re­ge­lung gel­ten und sich auf alle Sach­ver­hal­te, die sich seit dem Inkraft­tre­ten die­ses Geset­zes im August 2006 in sei­nem Gel­tungs­be­reich ver­wirk­licht haben, erstre­cken Danach müss­ten sich auch Tarif­ver­trä­ge, die bereits vor sei­nem Inkraft­tre­ten ver­ein­bart waren, an sei­nen Dis­kri­mi­nie­rungs­ver­bo­ten mes­sen las­sen. Eine sol­che Anknüp­fung sei zuläs­sig. Beson­de­re Grün­de des Ver­trau­ens­schut­zes zu Guns­ten des Arbeit­ge­bers, die eine ande­re Bewer­tung recht­fer­tig­ten, sei­en nicht zu erken­nen. Gegen die­se Ent­schei­dung ist die Revi­si­on zuge­las­sen wor­den.

Pflü­ger emp­fahl, die­ses Urteil  zu beach­ten und in Zwei­fels­fäl­len recht­li­chen Rat ein­zu­ho­len, wobei er u. a. dazu auch auf den VdAA Ver­band deut­scher Arbeits­rechts­An­wäl­te e. V. — www.vdaa.de — ver­wies.   

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