Nach einer Ent­schei­dung des Hes­si­schen Lan­des­ar­beits­ge­richts hat sich die Ver­gü­tung des Chef­arz­tes eines Kreis­kran­ken­hau­ses, in des­sen Arbeits­ver­trag eine Kop­pe­lung an eine bestimm­te Ver­gü­tungs­grup­pe des damals gel­ten­den BAT ver­ein­bart wor­den ist, nicht nach dem TV-Ärz­te/V­kA Tarif­ge­biet West zu rich­ten.

In dem Streit­fall ori­en­tier­te sich ein Bestand­teil der einem Chef­arzt zu zah­len­de Ver­gü­tung nach dem im Jahr 1986 abge­schlos­se­nen Arbeits­ver­trag an einer bestimm­ten genann­ten Ver­gü­tungs­grup­pe des BAT in Ver­bin­dung mit einem Ver­gü­tungs­ta­rif­ver­trag für Mit­glie­der der
Ver­ei­ni­gung kom­mu­na­ler Arbeit­ge­ber­ver­bän­de (VkA). Ab Herbst 2005 erhielt der Chef­arzt sei­ne Ver­gü­tung auf der Grund­la­ge des TVöD/VkA. Die Bezah­lung einer höhe­ren Ver­gü­tung unter Her­an­zie­hung des zwi­schen dem Mar­bur­ger Bund und den kom­mu­na­len Arbeit­ge­bern geschlos­se­nen Tarif­ver­trags TV-Ärz­te/V­kA lehn­te die Kli­nik ab. Der Chef­arzt klag­te dar­auf­hin den Dif­fe­renz­be­trag von monat­lich € 1.760,00 ein. Er ver­trat die Ansicht, die ergän­zen­de Ver­trags­aus­le­gung erge­be, dass die Ver­gü­tungs­re­ge­lun­gen des TV-Ärz­te/V­kA als dem spe­zi­el­le­ren Ärz­te­ta­rif­ver­trag und nicht die des all­ge­mei­nen, berufs­grup­pen­über­grei­fen­den TVöD auf das Arbeits­ver­hält­nis anzu­wen­den sei­en.

Das Arbeits­ge­richt hat der Zah­lungs­kla­ge statt­ge­ge­ben.

Die von dem Kli­nik­trä­ger ein­ge­leg­te Beru­fung hat­te Erfolg. Nach Ansicht des Hes­si­schen Lan­des­ar­beits­ge­richts hat der kla­gen­de Chef­arzt kei­nen Anspruch auf eine Ver­gü­tung, die sich nach dem TV-Ärz­te/V­kA errech­net. Ent­ge­gen der von dem Klä­ger ver­tre­te­nen Ansicht tritt die Ent­gelt­grup­pe IV/Stufe 1 der Tabel­le TV-Ärz­te/V­kA — Tarif­ge­biet West nicht an die Stel­le der im Arbeits­ver­trag auf­ge­führ­ten Ver­gü­tungs­grup­pe I BAT. Dies fol­ge aus der Aus­le­gung des Arbeits­ver­trags.

Inwie­weit der im Arbeits­ver­trag in Bezug genom­me­ne BAT und der maß­ge­ben­de Ver­gü­tungs­ta­rif­ver­trag durch einen ande­ren Tarif­ver­trag ersetzt wer­den, erge­be sich nicht allein dar­aus, dass die Tarif­ver­trags­par­tei­en des TVöD-BT-K und des TV-Ärz­te/V­kA dem jewei­li­gen Tarif­ver­trag erset­zen­de Funk­ti­on bei­mes­sen, denn eine bei­der­sei­ti­ge Tarif­bin­dung des Klä­gers und des Beklag­ten bestehe nicht.

Auch nach dem Wort­laut der arbeits­ver­trag­li­chen Ver­wei­sungs­klau­sel han­de­le es sich bei dem TVöD-BT-K und/oder dem TV-Ärz­te/V­kA nicht um einen den BAT im Bereich der VkA erset­zen­den Tarif­ver­trag. Nach dem all­ge­mei­nen Sprach­ge­brauch könn­ten nur sol­che Tarif­wer­ke einen ande­ren Tarif­ver­trag erset­zen, die von den Tarif­ver­trags­par­tei­en ver­ein­bart wor­den sei­en, die auch den zu erset­zen­den Tarif­ver­trag — hier den BAT — abge­schlos­sen haben. Zudem müs­se es sich um einen ein­zi­gen Tarif­ver­trag han­deln, der als Ersatz vor­ge­se­hen sei. Letz­te­res hät­ten die Arbeits­ver­trags­par­tei­en unmiss­ver­ständ­lich dadurch zum Aus­druck gebracht, dass die Erset­zung nach dem aus­drück­li­chen Wort­laut des Arbeits­ver­tra­ges „durch einen ande­ren Tarif­ver­trag“ erfol­gen muss. Im Bereich der VkA erfass­ten aber nicht nur ein, son­dern zwei Tarif­ver­trä­ge in ihrem per­sön­li­chen Gel­tungs­be­reich Kran­ken­haus­ärz­te.

Auch aus dem Arbeits­ver­trag der Par­tei­en fol­ge im Wege der Aus­le­gung kei­ne Vor­rang­re­ge­lung für einen der Tarif­ver­trä­ge, ins­be­son­de­re füh­re der Zweck der Bezug­nah­me nicht zu einer Auf­lö­sung der Kol­li­si­on. Zwar kön­ne davon aus­ge­gan­gen wer­den, dass eine dyna­mi­sche Ver­wei­sung auf die höchs­te für Ärz­te gel­ten­de Tarif­grup­pe gewollt gewe­sen sei. Dar­aus kön­ne aber kein Schluss auf eine Aus­wahl in Bezug auf die der­zeit mög­li­chen Tarif­wer­ke getrof­fen wer­den.

Der TV-Ärz­te/V­kA kom­me auch nicht im Wege ergän­zen­der Ver­trags­aus­le­gung zur Anwen­dung. Zum einen sei zwei­fel­haft, ob über­haupt eine aus­fül­lungs­be­dürf­ti­ge Ver­trags­lü­cke ange­nom­men wer­den kön­ne. In jedem Fall sei­en die Gerich­te für Arbeits­sa­chen im Streit­fall man­gels aus­rei­chen­der Anhalts­punk­te aus dem Ver­trag nicht befugt, eine etwai­ge Lücke zu schlie­ßen.

Auch der Hin­weis des Klä­gers, dass ihm zumin­dest eine eben­so hohe tarif­li­che Grund­ver­gü­tung zuste­hen müs­se wie einem lei­ten­den Ober­arzt, weil er eine höher­wer­ti­ge Arbeits­leis­tung erbrin­ge, grei­fe nicht durch. Der Grund­satz „Glei­cher Lohn für glei­che Arbeit“ sei in der deut­schen Rechts­ord­nung kei­ne all­ge­mein­gül­ti­ge Anspruchs­grund­la­ge, son­dern bedür­fe der Umset­zung in spe­zi­fi­schen Anspruchs­grund­la­gen. In Fra­gen der Ver­gü­tung bestehe Ver­trags­frei­heit, die ledig­lich durch ver­schie­de­ne recht­li­che Bin­dun­gen wie Dis­kri­mi­nie­rungs­ver­bo­te und tarif­li­che Min­des­tent­gel­te ein­ge­schränkt sei. Anhalts­punk­te, die in die­se Rich­tung wei­sen, sei­en weder vor­ge­tra­gen noch sonst ersicht­lich.

Letzt­lich führ­ten auch die Grund­sät­ze über den Weg­fall der Geschäfts­grund­la­ge gem. § 313 BGB im Streit­fall nicht zu einer Anwen­dung des TV-Ärz­te/V­kA. Selbst bei Annah­me einer Stö­rung der Geschäfts­grund­la­ge sei die­se nur dann recht­lich erheb­lich, wenn und soweit das Fest­hal­ten am unver­än­der­ten Ver­trag den Par­tei­en nicht zuge­mu­tet wer­den kann. Dies sei bei dem Klä­ger auf­grund sei­nes Aus­schei­dens aus dem Arbeits­ver­hält­nis nicht anzu­neh­men. Es stel­le für ihn kei­ne unzu­mut­ba­re Belas­tung dar, wenn das Ver­trags­ver­hält­nis bis zu die­sem Zeit­punkt für weni­ge Mona­te auf der Grund­la­ge des BAT in der zuletzt gel­ten­den Fas­sung fort­ge­führt wer­de. Der dar­aus resul­tie­ren­de Nach­teil hal­te sich für ihn in zumut­ba­ren Gren­zen, weil ihm ledig­lich ein Ein­kom­mens­zu­wachs für einen kur­zen Zeit­raum vor­ent­hal­ten wur­de.

Die Ent­schei­dung wird in der Lan­des­recht­spre­chungs­da­ten­bank (www.rechtsprechung.hessen.de) ver­öf­fent­licht wer­den.

Hess. LAG, Urteil vom 15. August 2008 — 3 Sa 1798/07
Vor­in­stanz: Arbeits­ge­richt Darm­stadt vom 19. Sep­tem­ber 2007 – 5 Ca 34/07