(Stutt­gart) Die All­ge­mein­ver­bind­li­cherklä­run­gen des Tarif­ver­trags über das Sozi­al­kas­sen­ver­fah­ren im Bau­ge­wer­be vom 15. Mai 2008 und 25. Juni 2010 sind man­gels Vor­lie­gen der gesetz­li­chen Vor­aus­set­zun­gen nach § 5 TVG aF unwirk­sam. Weder hat sich der zustän­di­ge Minis­ter bzw. die zustän­di­ge Minis­te­rin für Arbeit und Sozia­les mit der All­ge­mein­ver­bind­li­cherklä­rung (AVE) befasst noch war die nach dama­li­gem Rechts­stand erfor­der­li­che 50%-Quote erreicht.

Dar­auf ver­weist der Kie­ler Fach­an­walt für Arbeits­recht Jens Klar­mann, Vize­prä­si­dent des VDAA — Ver­band deut­scher Arbeits­rechts­An­wäl­te e. V. mit Sitz in Stutt­gart, unter Hin­weis auf die ent­spre­chen­de Mit­tei­lung des Bun­des­ar­beits­ge­richts vom 21.09.2016 zu sei­nem Beschluss vom sel­ben Tage, Az. 10 ABR 33/15.

Auf Antrag der Tarif­ver­trags­par­tei­en des Bau­ge­wer­bes hat das Bun­des­mi­nis­te­ri­um für Arbeit und Sozia­les (BMAS) den Tarif­ver­trag über das Sozi­al­kas­sen­ver­fah­ren im Bau­ge­wer­be (VTV) vom 20. Dezem­ber 1999 idF vom 20. August 2007 und vom 5. Dezem­ber 2007 am 15. Mai 2008 gemäß § 5 TVG in der damals gel­ten­den Fas­sung mit bereits im Antrag ent­hal­te­nen Ein­schrän­kun­gen bezüg­lich des betrieb­li­chen Gel­tungs­be­reichs („Gro­ße Ein­schrän­kungs­klau­sel“) für all­ge­mein­ver­bind­lich erklärt (AVE VTV 2008). Am 25. Juni 2010 erfolg­te die All­ge­mein­ver­bind­li­cherklä­rung des VTV vom 18. Dezem­ber 2009 (AVE VTV 2010). Die für all­ge­mein­ver­bind­lich erklär­ten Tarif­ver­trä­ge regeln das Sozi­al­kas­sen­ver­fah­ren im Bau­ge­wer­be. Bei den Sozi­al­kas­sen des Bau­ge­wer­bes (SOKA-BAU) han­delt es sich um gemein­sa­me Ein­rich­tun­gen der Tarif­ver­trags­par­tei­en des Bau­ge­wer­bes (Indus­trie­ge­werk­schaft Bau­en-Agrar-Umwelt — IG BAU -, Haupt­ver­band der Deut­schen Bau­in­dus­trie e.V. — HDB — und Zen­tral­ver­band des Deut­schen Bau­ge­wer­bes e.V. — ZDB -). Die Urlaubs- und Lohn­aus­gleichs­kas­se erbringt Leis­tun­gen im Urlaubs- und Berufs­bil­dungs­ver­fah­ren, die Zusatz­ver­sor­gungs­kas­se des Bau­ge­wer­bes zusätz­li­che Alters­ver­sor­gungs­leis­tun­gen, die jeweils in geson­der­ten Tarif­ver­trä­gen näher gere­gelt sind. Zur Finan­zie­rung die­ser Leis­tun­gen wer­den nach Maß­ga­be des VTV Bei­trä­ge von den Arbeit­ge­bern erho­ben. Durch die AVE gel­ten die Tarif­ver­trä­ge nicht nur für die tarif­ge­bun­de­nen Mit­glie­der der Tarif­ver­trags­par­tei­en, son­dern auch für alle ande­ren Arbeit­ge­ber der Bran­che. Sie sind hier­nach zur Bei­trags­zah­lung ver­pflich­tet. Sowohl die Arbeit­ge­ber als auch ihre Beschäf­tig­ten erhal­ten Leis­tun­gen von den Sozi­al­kas­sen.

Bei den Antrag­stel­lern han­delt es sich über­wie­gend um Arbeit­ge­ber, die nicht Mit­glied einer Arbeit­ge­ber­ver­ei­ni­gung sind und des­halb nur auf Grund­la­ge der All­ge­mein­ver­bind­li­cherklä­run­gen zu Bei­trags­zah­lun­gen her­an­ge­zo­gen wur­den. Sie haben die Auf­fas­sung ver­tre­ten, die gesetz­li­chen Vor­aus­set­zun­gen für die AVE hät­ten nicht vor­ge­le­gen. Ins­be­son­de­re hät­ten die tarif­ge­bun­de­nen Arbeit­ge­ber der Bau­bran­che nicht 50% der unter den Gel­tungs­be­reich des Tarif­ver­trags fal­len­den Arbeit­neh­mer beschäf­tigt (50%-Quote). Auch habe kein öffent­li­ches Inter­es­se für die All­ge­mein­ver­bind­li­cherklä­run­gen vor­ge­le­gen. Das Lan­des­ar­beits­ge­richt hat die Anträ­ge zurück­ge­wie­sen und fest­ge­stellt, dass die ange­grif­fe­nen All­ge­mein­ver­bind­li­cherklä­run­gen wirk­sam sind.

Die vom Lan­des­ar­beits­ge­richt zuge­las­se­nen Rechts­be­schwer­den hat­ten vor dem Zehn­ten Senat des Bun­des­ar­beits­ge­richts Erfolg. Die All­ge­mein­ver­bind­li­cherklä­run­gen vom 15. Mai 2008 und vom 20. Juni 2010 des VTV sind unwirk­sam. Bei der All­ge­mein­ver­bind­li­cherklä­rung von Tarif­ver­trä­gen han­delt es sich um Norm­set­zung, die nach dem in Art. 20 GG ver­an­ker­ten Demo­kra­tie­prin­zip die Befas­sung des zustän­di­gen Minis­ters für Arbeit und Sozia­les erfor­dert. Eine sol­che Befas­sung ist jedoch weder durch den dama­li­gen Minis­ter Olaf Scholz in Bezug auf die AVE VTV 2008 noch hin­sicht­lich der AVE VTV 2010 durch die sei­ner­zei­ti­ge Minis­te­rin Dr. Ursu­la von der Ley­en erfolgt. Dar­über hin­aus gibt es kei­ne trag­fä­hi­ge Grund­la­ge für die Annah­me des BMAS, dass zum Zeit­punkt des Erlas­ses der AVE VTV 2008 und 2010 in der Bau­bran­che min­des­tens 50% der unter den Gel­tungs­be­reich des Tarif­ver­trags fal­len­den Arbeit­neh­mer bei tarif­ge­bun­de­nen Arbeit­ge­bern beschäf­tigt waren. Ins­be­son­de­re durf­te, anders als vom BMAS ange­nom­men, die in der jewei­li­gen AVE vor­ge­nom­me­ne Ein­schrän­kung des betrieb­li­chen Gel­tungs­be­reichs bei der Berech­nung der 50%-Quote nicht berück­sich­tigt wer­den.

Die Fest­stel­lung der Unwirk­sam­keit der AVE VTV 2008 und 2010 wirkt gem. § 98 Abs. 4 ArbGG für und gegen jeder­mann. Sie hat zur Fol­ge, dass im maß­geb­li­chen Zeit­raum nur für tarif­ge­bun­de­ne Arbeit­ge­ber eine Bei­trags­pflicht zu den Sozi­al­kas­sen des Bau­ge­wer­bes bestand. Ande­re Arbeit­ge­ber der Bau­bran­che sind nicht ver­pflich­tet, für die­sen Zeit­raum Bei­trä­ge zu leis­ten. Rechts­kräf­tig abge­schlos­se­ne Kla­ge­ver­fah­ren über Bei­trags­an­sprü­che wer­den von der Fest­stel­lung der Unwirk­sam­keit jedoch nicht berührt; eine Wie­der­auf­nah­me des Ver­fah­rens nach § 580 ZPO ist inso­weit nicht mög­lich. Ob im Übri­gen unter Beach­tung der Ver­jäh­rungs­fris­ten wech­sel­sei­ti­ge Rück­for­de­rungs­an­sprü­che hin­sicht­lich erbrach­ter Bei­trags- und Erstat­tungs­leis­tun­gen bestehen und ob die Fest­stel­lung der Unwirk­sam­keit der All­ge­mein­ver­bind­li­cherklä­run­gen des VTV aus den Jah­ren 2008 und 2010 einer Voll­stre­ckung von Bei­trags­an­sprü­chen aus rechts­kräf­ti­gen Ent­schei­dun­gen ent­ge­gen­steht, hat­te der Senat nicht zu ent­schei­den.

Klar­mann emp­fahl, dies beach­ten sowie in Zwei­fels­fäl­len um Rechts­rat nach­zu­su­chen, wobei er u. a. dazu auch auf den VDAA Ver­band deut­scher Arbeits­rechts­An­wäl­te e. V. – www.vdaa.de – ver­wies.

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