Der Ent­schä­di­gungs­an­spruch gem. den §§ 1, 15 Abs. 2 AGG setzt eine Benach­tei­li­gung u.a. wegen der “eth­ni­schen Her­kunft” vor­aus. “Ossi” bezeich­net kei­ne Ethnie.Tenor1. Die Kla­ge wird abgewiesen.2. Die Klä­ge­rin…

(vdaa)  Der Ent­schä­di­gungs­an­spruch gem. den §§ 1, 15 Abs. 2 AGG setzt eine Benach­tei­li­gung u.a. wegen der “eth­ni­schen Her­kunft” vor­aus. “Ossi” bezeich­net kei­ne Eth­nie.

Tenor

1. Die Kla­ge wird abge­wie­sen.

2. Die Klä­ge­rin hat die Kos­ten des Rechts­streits zu tra­gen.

3. Der Streit­wert wird auf EUR 5.000,00 fest­ge­setzt.

Tat­be­stand

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Die Par­tei­en strei­ten um Ent­schä­di­gungs­an­sprü­che wegen Benach­tei­li­gung.
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Die 1961 gebo­re­ne Klä­ge­rin, die bereits 1988 aus dem Gebiet der dama­li­gen DDR in die Bun­des­re­pu­blik Deutsch­land umsie­del­te und die seit 1991 im Groß­raum S. für ver­schie­de­ne Unter­neh­men als Buch­hal­te­rin tätig wur­de, bewarb sich Mit­te Juli 2009 auf eine von der Beklag­ten aus­ge­schrie­be­ne Buch­hal­te­rin­nen­stel­le. Mit Schrei­ben vom 03.08.2009 reich­te die Beklag­te, für das Inter­es­se der Klä­ge­rin dan­kend, gleich­wohl ihr absa­gend die Bewer­bungs­un­ter­la­gen und dabei auch den von der Klä­ge­rin erstell­ten Lebens­lauf zurück. Auf Letz­te­rem hat­te eine Mit­ar­bei­te­rin der Beklag­ten den Ver­merk “Ossi” mit einem dane­ben ein­ge­kreis­ten Minus­zei­chen ange­bracht und im Übri­gen zu Tätig­keits­zei­ten der Klä­ge­rin vor 1988 an 2 Stel­len “DDR” ver­merkt.
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Die Klä­ge­rin ist der Auf­fas­sung, durch die­se ange­brach­ten Ver­mer­ke wer­de doku­men­tiert, dass ihre Bewer­bung nur wegen ihrer Her­kunft erfolg­los geblie­ben sei. Die­se Her­kunft sei im Sin­ne des all­ge­mei­nen Gleich­be­hand­lungs­grund­sat­zes eine eth­ni­sche Her­kunft, wes­halb ihre Benach­tei­li­gung gemäß § 15 AGG nicht ent­schä­di­gungs­los blei­ben kön­ne, zumal die ange­brach­ten Ver­mer­ke sie per­sön­lich sehr betrof­fen hät­ten.
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Die Klä­ge­rin bean­tragt:
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Die Beklag­te wird ver­ur­teilt, an die Klä­ge­rin eine Ent­schä­di­gung nebst Ver­zugs­zin­sen in Höhe von 5 Pro­zent­punk­ten über dem Basis­zins­satz seit Rechts­hän­gig­keit zu bezah­len. Die Höhe der Ent­schä­di­gung wird in das Ermes­sen des Gerichts gestellt, soll­te aber EUR 5.000,00 brut­to nicht unter­schrei­ten.
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Die Beklag­te bean­tragt,
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die Kla­ge abzu­wei­sen.
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Sie ist der Auf­fas­sung, die Bezeich­nung “Ossi” sei nicht dis­kri­mi­nie­rend und ihre Ableh­nungs­ent­schei­dung sei nicht auf die Her­kunft der Klä­ge­rin, son­dern auf beruf­li­che, qua­li­ta­ti­ve Beden­ken gestützt. Der Begriff des Geset­zes ste­he im Übri­gen im Zusam­men­hang mit dem Ver­bot der Ras­sen­dis­kri­mi­nie­rung, wes­halb die Vor­aus­set­zun­gen der §§ 1, 15 AGG nicht erfüllt sei­en.
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Wegen des wei­te­ren Vor­brin­gens wird auf die Schrift­sät­ze der Par­tei­en nebst Anla­gen, ins­be­son­de­re wird auf ABl. 11 (Lebens­lauf der Klä­ge­rin) Bezug genom­men. Auf die Pro­to­kol­le vom 13.10.2009 und 15.04.2010 wird ver­wie­sen.

Ent­schei­dungs­grün­de

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Die zuläs­si­ge Kla­ge ist unbe­grün­det, da ein Benach­tei­li­gungs­fall gemäß § 1 AGG nicht gege­ben ist.
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1. Nach § 1 AGG soll eine Benach­tei­li­gung u.a. “aus Grün­den der Ras­se oder wegen der eth­ni­schen Her­kunft” ver­hin­dert oder besei­tigt wer­den. Über die­se Vor­aus­set­zung wie auch deren Ent­schä­di­gungs­fol­ge gemäß § 15 Abs. 2 AGG strei­ten die Par­tei­en, wobei der Tat­be­stand davon geprägt ist, dass der der Klä­ge­rin zurück­ge­reich­te Lebens­lauf die Ver­mer­ke “(-) Ossi” und an 2 Stel­len “DDR”, auf­ge­bracht von einer Mit­ar­bei­te­rin der Beklag­ten, ent­hält.
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a) Mit der Lite­ra­tur ist grund­sätz­lich davon aus­zu­ge­hen, dass der Begriff eth­ni­sche Her­kunft weit aus­zu­le­gen ist (vgl. z.B. Bau­er u.a., AGG, 2. Aufl., § 1 RdNr. 18; Däub­ler u.a., AGG, 2. Aufl., § 1 RdNr. 27). Bei der Aus­le­gung kann der Begriff von der Dis­kus­si­on um die Men­schen­rech­te nach 1945 nicht los­ge­löst wer­den. Die­se Dis­kus­si­on mag für eine groß­zü­gi­ge Inter­pre­ta­ti­on des Begrif­fes dien­lich sein. Sie ist geprägt u.a. durch Art. 1 und Art. 55 der Char­ta der Ver­ein­ten Natio­nen vom 26.06.1945, wonach “Pro­ble­me wirt­schaft­li­cher, sozia­ler, kul­tu­rel­ler und huma­ni­tä­rer Art unter Ach­tung vor den Men­schen­rech­ten … ohne Unter­schied der Ras­se, des Geschlechts, der Spra­che oder der Reli­gi­on” gelöst wer­den sol­len. Die all­ge­mei­ne Erklä­rung der Men­schen­rech­te vom 10.12.1948 schließt “irgend­ei­ne Unter­schei­dung wie etwa nach Ras­se, Far­be, Geschlecht, Spra­che, Reli­gi­on, poli­ti­scher oder sons­ti­ger Über­zeu­gung, natio­na­ler oder sozia­ler Her­kunft, nach Eigen­tum, Geburt oder sons­ti­gen Umstän­den” aus. In ähn­li­chem Sin­ne regelt Art. 14 der Kon­ven­ti­on zum Schutz der Men­schen­rech­te und Grund­frei­hei­ten vom 04.11.1950 (EMRK) den Aus­schluss unter­schied­li­cher Behand­lung wegen u.a. “… der natio­na­len oder sozia­len Her­kunft, Zuge­hö­rig­keit zu einer natio­na­len Min­der­heit, des Ver­mö­gens, der Geburt oder des sons­ti­gen Sta­tus …”. Erst­mals in der Char­ta der Grund­rech­te der Euro­päi­schen Uni­on vom 07.12.2000 und sodann im Ver­trag zur Grün­dung der Euro­päi­schen Gemein­schaft in sei­ner Fas­sung vom 16.04.2003 wer­den Benach­tei­li­gun­gen “aus Grün­den der eth­ni­schen Her­kunft” tabui­siert.
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Aus die­sem völ­ker­recht­li­chen Kon­text wird deut­lich, dass der Begriff der eth­ni­schen Her­kunft auf der mani­fes­tier­ba­ren Unter­schied­lich­keit der Men­schen grün­det. Daher bedarf die­ser Begriff einer wei­te­ren Erhel­lung.
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b) Wenn die­ser Begriff auf das grie­chi­sche Wort “eth­nos” basiert und des­sen Über­tra­gung in die deut­sche Spra­che “Volk” oder “Volks­zu­ge­hö­rig­keit” bedeu­tet, wird deut­lich, dass die eth­ni­sche Her­kunft im Sin­ne von § 1 AGG mehr als nur die Her­kunft aus einem Ort, einem Land­strich, einem Land oder einem gemein­sa­men Ter­ri­to­ri­um beinhal­tet. Der Begriff der Eth­nie kann nur mit Sinn erfüllt wer­den, wenn er die gemein­sa­me Geschich­te und Kul­tur, die Ver­bin­dung zu einem bestimm­ten Ter­ri­to­ri­um und ein Gefühl der soli­da­ri­schen Gemein­sam­keit für eine bestimm­ba­re Popu­la­ti­on von Men­schen dar­stell­bar macht. Dazu mögen eine gemein­sa­me Spra­che, tra­di­ier­te Gewohn­hei­ten und Ähn­li­ches gehö­ren.
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c) Die dem Rechts­streit zugrun­de lie­gen­de Bezeich­nung “Ossi” mag dem Ele­ment eines “Ter­ri­to­ri­ums” im Begriff der Eth­nie ent­spre­chen (die ehe­ma­li­ge DDR/die Neu­en Bun­des­län­der). Eine gemein­sa­me Spra­che prägt ihn jedoch nicht, da in den ost­deut­schen Län­dern Dia­lek­te von säch­sisch bis platt­deutsch gespro­chen wer­den, wobei unter­schied­li­che Dia­lek­te ohne­hin nicht einer gemein­sa­men Spra­che ent­ge­gen­ste­hen. Auch die Geschich­te der nach 1989 ent­stan­de­nen Bezeich­nung “Ossi” ist viel zu jung, um seit­her eine abgrenz­ba­re Popu­la­ti­on beschrei­ben zu kön­nen. Dass die dama­li­ge DDR und die Bun­des­re­pu­blik Deutsch­land gesell­schafts­po­li­tisch unter­schied­li­che Ent­wick­lun­gen bis 1989 auf­zei­gen, lässt die (ehe­ma­li­gen) Bür­ger der bei­den staat­li­chen Räu­me nicht als abgrenz­ba­re Eth­ni­en von jeweils eige­ner Art beschrei­ben, denn die gemein­sa­me Geschich­te seit Abschaf­fung der Klein­staa­te­rei, die gemein­sa­me Kul­tur der letz­ten 250 Jah­re, die von Dia­lekt­un­ter­schie­den abge­se­he­ne gemein­sa­me Spra­che machen deut­lich, dass im 21. Jahr­hun­dert regio­na­le Unter­schei­dungs­mög­lich­kei­ten weder Schwa­ben noch Bay­ern noch “Wes­sis” noch in Ost­deutsch­land Gebo­re­ne zu jeweils von­ein­an­der abgrenz­ba­ren Eth­ni­en wer­den las­sen.
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d) § 75 BetrVG steht nicht in Wider­spruch zu § 1 AGG: Zwar gebie­tet der an Arbeit­ge­ber und Betriebs­rat gerich­te­te Auf­trag, jede Benach­tei­li­gung von Arbeit­neh­mern u.a. wegen ihrer eth­ni­schen Her­kunft oder “ihrer Abstam­mung oder sons­ti­gen Her­kunft” zu unter­las­sen. Die­ses wei­ter­ge­hen­de Benach­tei­li­gungs­ver­bot, das kei­ne indi­vi­du­al­recht­li­chen Scha­den­er­satz- oder Ent­schä­di­gungs­an­sprü­che nor­miert, hat auf der Ebe­ne des Betrie­bes ande­re Auf­ga­ben, als das sank­ti­ons­be­wehr­te Dis­kri­mi­nie­rungs­ver­bot des § 1 AGG. Auf Betriebs­ebe­ne soll dafür gesorgt wer­den, dass lands­mann­schaft­li­che Dif­fe­ren­zie­run­gen aus­ge­schlos­sen sind.
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2. Die Bezeich­nung “Ossi” kann (was die Beklag­te in Abre­de stellt) dis­kri­mi­nie­rend, weil mit einem Wert­ur­teil belegt, gemeint, sie kann dis­kri­mi­nie­rend (so der Vor­trag der Klä­ge­rin) zu ver­ste­hen sein. Da nach § 1 AGG indes­sen nicht jede denk­ba­re Benach­tei­li­gung besei­tigt oder ver­hin­dert wer­den soll und vor allem da die Bezeich­nung nicht dem Tat­be­stands­merk­mal “eth­ni­sche Her­kunft” zuge­ord­net wer­den kann, erweist sich die auf § 15 Abs. 2 AGG gestütz­te Kla­ge als unbe­grün­det. Sie ist abzu­wei­sen.
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Da die Klä­ge­rin unter­le­gen ist, hat sie die Kos­ten des Rechts­streits zu tra­gen. Der Streit­wert­fest­set­zung lie­gen die §§ 61 ArbGG, 3 ZPO und dabei das im Klag­an­trag zum Aus­druck gebrach­te Inter­es­se der Klä­ge­rin zugrun­de.
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Einer geson­der­ten Ent­schei­dung über die Zuläs­sig­keit der von Geset­zes wegen zuläs­si­gen Beru­fung (§ 64 Abs. 2a ArbGG) bedarf es nicht.

ArbG Stutt­gart Urteil vom 15.4.2010, 17 Ca 8907/09

Infor­ma­tio­nen:

  • Ver­öf­fent­licht: 15.04.2010