(Stutt­gart) Ein Haus­ta­rif­ver­trag, der einen sozi­al­plan­ähn­li­chen Inhalt hat, kann für Leis­tun­gen, die zur Abmil­de­rung der wirt­schaft­li­chen und sozia­len Nach­tei­le an tarif­ge­bun­de­ne Arbeit­neh­mer gezahlt wer­den, eine Stich­tags­re­ge­lung vor­se­hen, nach der ein Anspruch nur für die­je­ni­gen Mit­glie­der besteht, die zum Zeit­punkt der tarif­li­chen Eini­gung der Gewerk­schaft bereits bei­ge­tre­ten waren.

Dar­auf ver­weist der Stutt­gar­ter Fach­an­walt für Arbeits­recht Micha­el Henn, Prä­si­dent des VDAA — Ver­band deut­scher Arbeits­rechts­An­wäl­te e. V. mit Sitz in Stutt­gart, unter Hin­weis auf die Mit­tei­lung des Bun­des­ar­beits­ge­richts (BAG) vom 15.04.2015 zu sei­nem Urteil vom sel­ben Tage, Az. 4 AZR 796/13.

Die Klä­ge­rin bean­sprucht von den bei­den Beklag­ten Leis­tun­gen nach einem Haus­ta­rif­ver­trag. Die tarif­ge­bun­de­ne Beklag­te zu 2) plan­te zu Beginn des Jah­res 2012 eine Betriebs­schlie­ßung in Mün­chen. In Ver­hand­lun­gen mit dem in die­sem Betrieb bestehen­den Betriebs­rat und der zustän­di­gen IG Metall konn­te eine voll­stän­di­ge Schlie­ßung abge­wen­det wer­den. Neben einem Stand­ort­ta­rif­ver­trag schlos­sen die Beklag­te zu 2) und die IG Metall am 4. April 2012 einen „Trans­fer- und Sozi­al­ta­rif­ver­trag“ (TV). Der TV sieht für den Fall einer Been­di­gung des Arbeits­ver­hält­nis­ses mit der Beklag­ten zu 2) zum 30. April 2012 und gleich­zei­ti­ger Begrün­dung eines „Trans­fer­ar­beits­ver­hält­nis­ses“ mit der Beklag­ten zu 1) in einer betriebs­or­ga­ni­sa­to­risch eigen­stän­di­gen Ein­heit (beE) durch Abschluss eines drei­sei­ti­gen Ver­trags die Zah­lun­gen von Abfin­dun­gen bis 110.000,00 Euro durch die Beklag­te zu 2) sowie Min­dest­be­din­gun­gen für das dann mit der Beklag­ten zu 1) bestehen­de Arbeits­ver­hält­nis, ua. „ein beE-Monats­ent­gelt von monat­lich 70 % ihres Brut­to­mo­nats­ein­kom­mens“, vor. Gleich­falls am 4. April 2012 ver­ein­bar­ten die Beklag­te zu 2) und der Betriebs­rat einen „Inter­es­sen­aus­gleich“, nach dem sie auch die Rege­lun­gen des TV „für alle betrof­fe­nen Beschäf­tig­ten abschlie­ßend über­neh­men“. Schließ­lich schlos­sen die Beklag­te zu 2) und die IG Metall einen wei­te­ren, ergän­zen­den Tarif­ver­trag (ETV), der nach sei­nem per­sön­li­chen Gel­tungs­be­reich nur für die­je­ni­gen Gewerk­schafts­mit­glie­der galt, „die bis ein­schließ­lich 23.03.2012, 12.00 Uhr Mit­glied der IG Metall gewor­den sind“. Der ETV regelt eine wei­te­re Abfin­dung von 10.000,00 Euro sowie ein um 10 vH höhe­re Bemes­sungs­grund­la­ge für das „beE-Monats­ent­gelt“.

Die Klä­ge­rin unter­zeich­ne­te mit den bei­den Beklag­ten eine drei­sei­ti­ge Ver­ein­ba­rung, in der für den Abfin­dungs­an­spruch und die Monats­ver­gü­tung auf die bei­den Tarif­ver­trä­ge Bezug genom­men wor­den ist. In der Zeit von Juli 2012 bis Janu­ar 2013 war die Klä­ge­rin Mit­glied der IG Metall. Sie ver­langt von den Beklag­ten die im ETV vor­ge­se­he­nen wei­te­ren Leis­tun­gen. Die Revi­si­on der Klä­ge­rin blieb gegen die kla­ge­ab­wei­sen­den Ent­schei­dun­gen der Vor­in­stan­zen vor dem Vier­ten Senat des Bun­des­ar­beits­ge­richts ohne Erfolg. Die Anspruchs­vor­aus­set­zun­gen des ETV sind nicht gege­ben. Die im per­sön­li­chen Gel­tungs­be­reich des ETV ver­ein­bar­te Stich­tags­re­ge­lung — 23. März 2012 — ist wirk­sam. Ent­ge­gen der Auf­fas­sung der Klä­ge­rin han­delt es sich dabei nicht um eine sog. ein­fa­che Dif­fe­ren­zie­rungs­klau­sel, die zwi­schen Gewerk­schafts­mit­glie­dern einer­seits sowie nicht und anders tarif­ge­bun­de­nen Arbeit­neh­mern — sog. Außen­sei­tern — ande­rer­seits unter­schei­det. Der TV und der ETV dif­fe­ren­zie­ren in ihrem per­so­nel­len Gel­tungs­be­reich zwi­schen ver­schie­de­nen Grup­pen von Mit­glie­dern der Gewerk­schaft IG Metall und damit allein zwi­schen tarif­ge­bun­de­nen Arbeit­neh­mern, also den­je­ni­gen Beschäf­tig­ten, denen ein Tarif­ver­trag ohne­hin nur Ansprü­che ver­mit­teln kann. Die Stich­tags­re­ge­lung for­mu­liert ledig­lich Anspruchs­vor­aus­set­zun­gen für tarif­li­che Leis­tun­gen. Die Bestim­mun­gen des ETV erwei­sen sich auch im Hin­blick auf den tarif­li­chen Rege­lungs­ge­gen­stand als wirk­sam. Den Tarif­ver­trags­par­tei­en kommt auf Grund der ver­fas­sungs­recht­lich geschütz­ten Tarif­au­to­no­mie bei der Bestim­mung von Umfang und Vor­aus­set­zun­gen von Aus­gleichs- und Über­brü­ckungs­leis­tun­gen anläss­lich einer Teil­be­triebs­stil­le­gung ein wei­ter Gestal­tungs­spiel­raum zu. Die Stich­tags­re­ge­lung ori­en­tiert sich am gege­be­nen Sach­ver­halt der beab­sich­tig­ten Betriebs­än­de­rung als ein­ma­li­gem Vor­gang sowie den damit ver­bun­de­nen Leis­tun­gen unter Berück­sich­ti­gung des aus­ge­han­del­ten Tarif­vo­lu­mens.

Die Bestim­mun­gen des ETV ver­sto­ßen auch nicht gegen die sog. nega­ti­ve Koali­ti­ons­frei­heit. Die tarif­li­che Rege­lungs­be­fug­nis ist von Ver­fas­sungs und Geset­zes wegen auf die Mit­glie­der der tarif­schlie­ßen­den Ver­bän­de und vor­lie­gend auf die der IG Metall beschränkt. Die „Bin­nen­dif­fe­ren­zie­rung“ zwi­schen Gewerk­schafts­mit­glie­dern schränkt weder die Hand­lungs- oder die Ver­trags­frei­heit des Arbeit­ge­bers noch die von sog. Außen­sei­tern ein. Die­sem Per­so­nen­kreis bleibt es unbe­nom­men, sei­ne ver­trag­li­chen Bezie­hun­gen frei zu gestal­ten. Von den Rege­lun­gen des ETV kann gegen­über sog. Außen­sei­tern kein „höhe­rer Druck“ aus­ge­hen, als der­je­ni­ge, der sich stets ergibt, wenn die indi­vi­du­al­ver­trag­li­chen Ver­ein­ba­run­gen hin­ter den­je­ni­gen Rege­lun­gen zurück­blei­ben, die durch einen Tarif­ver­trag für die Mit­glie­der der Gewerk­schaft gere­gelt wur­den.

Die ver­trag­li­chen Ver­wei­sun­gen in der drei­sei­ti­gen Ver­ein­ba­rung auf die unter­schied­li­chen tarif­li­chen Rege­lun­gen des TV und des ETV sind nach der Recht­spre­chung des Senats (21. Mai 2014 — 4 AZR 50/13 — ua., vgl. auch Press­mit­tei­lung Nr. 24/14) nicht anhand des arbeits­recht­li­chen Gleich­be­hand­lungs­grund­sat­zes zu über­prü­fen. Sie set­zen die in den bei­den Tarif­ver­trä­gen vor­ge­ge­be­nen Rege­lun­gen für die Aus­ge­stal­tung des drei­sei­ti­gen Ver­trags zwi­schen den Par­tei­en um.

Schließ­lich ver­stößt auch der „Inter­es­sen­aus­gleich“ nicht gegen den betriebs­ver­fas­sungs­recht­li­chen Gleich­be­hand­lungs­grund­satz nach § 75 Satz 1 BetrVG. Die Betriebs­par­tei­en haben durch die Über­nah­me der Rege­lun­gen des TV, nicht aber des ETV, gera­de davon abge­se­hen, Bestim­mun­gen mit ein­zu­be­zie­hen, die an eine Gewerk­schafts­mit­glied­schaft zu einem bestimm­ten Zeit­punkt anknüp­fen.

Henn emp­fahl, die Ent­schei­dung zu beach­ten und in Zwei­fels­fäl­len recht­li­chen Rat ein­zu­ho­len, wobei er u. a. dazu auch auf den VDAA Ver­band deut­scher Arbeits­rechts­An­wäl­te e. V. – www.vdaa.de – ver­wies.

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