(Stutt­gart) In Tarif­ver­trä­gen kann der Anspruch auf eine jähr­li­che Son­der­zah­lung vom Bestand des Arbeits­ver­hält­nis­ses zu einem Stich­tag außer­halb des Bezugs­zeit­raums im Fol­ge­jahr abhän­gig gemacht wer­den.

Dar­auf ver­weist der Stutt­gar­ter Fach­an­walt für Arbeits­recht Micha­el Henn, Prä­si­dent des VDAA — Ver­band deut­scher Arbeits­rechts­An­wäl­te e. V. mit Sitz in Stutt­gart, unter Hin­weis auf die Mit­tei­lung des Bun­des­ar­beits­ge­richts (BAG) vom 27.6.2018 zu sei­nem Urteil vom sel­ben Tage, Az. 10 AZR 290/17.

Der Beklag­te arbei­te­te seit 1995 als Bus­fah­rer in dem Ver­kehrs­un­ter­neh­men der Klä­ge­rin. Auf das Arbeits­ver­hält­nis fand auf­grund ein­zel­ver­trag­li­cher Bezug­nah­me ein Tarif­ver­trag Anwen­dung, der einen Anspruch auf eine bis zum 1. Dezem­ber zu zah­len­de Son­der­zu­wen­dung vor­sieht. Die­se dient auch der Ver­gü­tung für geleis­te­te Arbeit. Die Son­der­zu­wen­dung ist vom Arbeit­neh­mer zurück­zu­zah­len, wenn er in der Zeit bis zum 31. März des fol­gen­den Jah­res aus eige­nem Ver­schul­den oder auf eige­nen Wunsch aus dem Beschäf­ti­gungs­ver­hält­nis aus­schei­det. Der Beklag­te kün­dig­te das Arbeits­ver­hält­nis im Okto­ber 2015 zum Janu­ar 2016. Mit der Abrech­nung für den Monat Novem­ber 2015 zahl­te die Klä­ge­rin an ihn die tarif­li­che Son­der­zu­wen­dung in Höhe eines Monats­ent­gelts. Nach­dem das Arbeits­ver­hält­nis geen­det hat­te, ver­lang­te die Klä­ge­rin die Son­der­zu­wen­dung nach der tarif­ver­trag­li­chen Rege­lung zurück. Der Beklag­te lehn­te das ab, weil die Tarif­vor­schrift unwirk­sam sei. Sie ver­sto­ße als unver­hält­nis­mä­ßi­ge Kün­di­gungs­be­schrän­kung gegen das Grund­recht auf Berufs­frei­heit aus Art. 12 Abs. 1 GG.

Die Vor­in­stan­zen haben der Kla­ge statt­ge­ge­ben. Die Revi­si­on des Beklag­ten hat­te vor dem Zehn­ten Senat des Bun­des­ar­beits­ge­richts kei­nen Erfolg.

Die Rück­zah­lungs­re­ge­lung wäre nach der Recht­spre­chung des Senats aller­dings unwirk­sam, wenn sie als arbeits­ver­trag­li­che All­ge­mei­ne Geschäfts­be­din­gung einer Klau­sel­kon­trol­le nach § 307 Abs. 1 BGB zu unter­zie­hen wäre (aus­führ­lich BAG 18. Janu­ar 2012 — 10 AZR 612/10 — BAGE 140, 231). Arbeits­ver­trag­lich in ihrer Gesamt­heit ein­be­zo­ge­ne Tarif­ver­trä­ge unter­lie­gen jedoch kei­ner sol­chen Inhalts­kon­trol­le, weil sie nur bei einer Abwei­chung von Rechts­vor­schrif­ten statt­fin­det (§ 307 Abs. 3 Satz 1 BGB). Tarif­ver­trä­ge ste­hen nach § 310 Abs. 4 Satz 3 BGB Rechts­vor­schrif­ten im Sinn von § 307 Abs. 3 BGB gleich.

Die Rück­zah­lungs­ver­pflich­tung des Beklag­ten, die sich aus der tarif­ver­trag­li­chen Stich­tags­re­ge­lung ergibt, ver­stößt nicht gegen höher­ran­gi­ges Recht. Sie ver­letzt ins­be­son­de­re nicht Art. 3 Abs. 1 und Art. 12 Abs. 1 GG, die die Tarif­ver­trags­par­tei­en bei der tarif­li­chen Norm­set­zung zu beach­ten haben. Den Tarif­ver­trags­par­tei­en steht dabei auf­grund der durch Art. 9 Abs. 3 GG geschütz­ten Tarif­au­to­no­mie ein wei­ter Gestal­tungs­spiel­raum zu, über den Arbeits­ver­trags- und Betriebs­par­tei­en nicht in glei­chem Maß ver­fü­gen. Ihnen kommt eine Ein­schät­zungs­prä­ro­ga­ti­ve zu, soweit die tat­säch­li­chen Gege­ben­hei­ten, die betrof­fe­nen Inter­es­sen und die Rege­lungs­fol­gen zu beur­tei­len sind. Dar­über hin­aus ver­fü­gen sie über einen Beur­tei­lungs- und Ermes­sens­spiel­raum hin­sicht­lich der inhalt­li­chen Gestal­tung der Rege­lung. Die Tarif­ver­trags­par­tei­en sind nicht ver­pflich­tet, die zweck­mä­ßigs­te, ver­nünf­tigs­te oder gerech­tes­te Lösung zu wäh­len. Es genügt, wenn es für die getrof­fe­ne Rege­lung einen sach­lich ver­tret­ba­ren Grund gibt.

Die tarif­ver­trag­li­che Rege­lung, die der Senat anzu­wen­den hat­te, greift zwar in die Berufs­frei­heit der Arbeit­neh­mer ein. Art. 12 Abs. 1 GG schützt auch die Ent­schei­dung eines Arbeit­neh­mers, eine kon­kre­te Beschäf­ti­gungs­mög­lich­keit in einem gewähl­ten Beruf bei­zu­be­hal­ten oder auf­zu­ge­ben. Die Ein­schrän­kung der Berufs­frei­heit der Arbeit­neh­mer ist hier aber noch ver­hält­nis­mä­ßig. Die Gren­zen des gegen­über ein­sei­tig gestell­ten Rege­lun­gen in All­ge­mei­nen Geschäfts­be­din­gun­gen erwei­ter­ten Gestal­tungs­spiel­raums der Tarif­ver­trags­par­tei­en sind nicht über­schrit­ten.

Henn emp­fahl, die Ent­schei­dung zu beach­ten und in Zwei­fels­fäl­len recht­li­chen Rat ein­zu­ho­len, wobei er u. a. dazu auch auf den VDAA Ver­band deut­scher Arbeits­rechts­An­wäl­te e. V. – www.vdaa.de – ver­wies.

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Micha­el Henn
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